Tom zog sich in den Schatten des Türeingangs zurück und schob die Hände in die Jackentaschen. Ein leichter Nieselregen fiel vor ihm auf den Asphalt, und er freute sich darüber, denn so würde es aussehen, als habe er sich hier nur untergestellt. Durch die gesprungene Glasscheibe konnte er ein paar ramponierte Briefkästen und einen Kinderwagen sehen. In dem Mietshaus wohnten bestimmt nicht die aufmerksamsten Leute.
Aus den Stöpseln in seinen Ohren drang leise Musik, schnelle Gitarrenriffs und eine melodische Stimme. Er liebte die Band und konnte jedes Stück ihres neuesten Albums mitsingen, aber jetzt gerade hatte er keine Zeit, und er nahm die Musik kaum wahr.
Obwohl es für März nicht sonderlich kalt war, hatte er die Kapuze seines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, und er linste angestrengt unter dem grauen, ausgefransten Saum hervor, der ihm beinahe in die Augen fiel. Mit der Linken fuhr er über das Rad des Players und drehte so die Musik noch leiser.
Toms gesamte Aufmerksamkeit war auf den Geldautomaten auf der anderen Straßenseite gerichtet, der sich in einer Nische zwischen einem Schuhgeschäft und einer kleinen Bankfiliale befand. Eine mollige Frau in einem durchsichtigen Regenmantel stand davor. Sie versuchte, eine Papiereinkaufstüte, aus der Zuccinis und Salat herausragten, mit einem Arm zu halten, während sie mit der anderen Hand ihre Geheimzahl eingab. Menschen mit Einkaufstüten waren normalerweise ideal, aber Tom schüttelte dennoch beinahe unmerklich den Kopf. Für einen zufälligen Beobachter hätte die Bewegung wie eine Reaktion auf die Musik aussehen können. Tatsächlich war es aber ein Zeichen. Die Frau hatte ihr Gemüse bestimmt beim Türken um die Ecke gekauft, sie trug ausgetretene Schuhe, und die Klamotten unter dem durchsichtigen Mantel waren abgetragen. – Keine gute Wahl. Endlich hatte sie es geschafft, ihre Geldbörse wieder zu verstauen, und sie verschwand, die Zucchini-Tüte nun fest im Griff.
Tom würdigte sie keines weiteren Blickes. Der Regen wurde stärker. Perfekt; das bot ihm die Möglichkeit, einfach hier stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass jemand vorbeikam, der besser geeignet war. Die meisten Passanten beeilten sich jetzt, schnell von der Straße zu kommen, hielten Zeitungen oder zogen Mantelkrägen über ihre Köpfe und flüchteten hastig zu H&M oder Starbucks.
Kaum zwei Haltestellen von hier entfernt saßen die Schüler seines Kurses wohl in Mathe und lauschten den gähnend langweiligen Erklärungen von Doc Salzbacher, während sie das Pausenklingeln herbeisehnten. Obwohl Tom in Mathe besser als in so manch anderem Fach war, konnte Salzi auch ihn innerhalb von wenigen Minuten an den Rand des Schlafs reden. Besser als’n Joint, hieß es im Kurs über den Mathe-Doc an der Pensionierungsgrenze. Trotzdem wäre Tom im Augenblick weitaus lieber in dem immer leicht nach schwitzenden Schülern und Automatenkaffee müffelnden Kursraum gewesen als dort, wo er sich gerade befand. Stattdessen spürte er die harte Wand in seinem Rücken und tat unbeteiligt, während er die vorbeihastenden Menschen beobachtete. Bargeld würde der ein oder andere trotz des ätzenden Wetters sicher bald mal brauchen. Und jemand, der es wegen des Regens eilig hatte, war noch besser als eine Tussi mit Einkäufen.
Mit der Zeit bekam man ein Gespür für die Leute. Die Menge auf den Einkaufsstraßen der Großstadt war immer bunt gemischt, Anzugträger liefen neben Hausfrauen, Schulkinder neben Großmüttern, helle Haut neben dunkler, teure Kleidung neben verschlissener. Sie sammelten sich in kleinen Pulks an den Fußgängerampeln, zufällige Gemeinschaften, die sich ebenso schnell wieder auflösten, wie sie zusammenfanden. Aber dafür interessierte sich Tom nicht. Er achtete auf Kleinigkeiten, versuchte, den Preis der Kleidung abzuschätzen, den Gang einzustufen. Wer war Opfer, wer war gefährlich?
Irgendwo in der Nähe ging eine Sirene los. Obwohl Tom ruhig dastand, hämmerte ihm das Herz in der Brust, wie immer, kurz bevor es losging. Der Laut schwoll an, brach dann aber abrupt ab. Gut. Nur ein Autoalarm, den irgendein Idiot ausgelöst hatte.
In seinen Händen spürte Tom das wohl vertraute Kribbeln. Bei dem einen oder anderen Passanten hätte er fast genickt, aber jedes Mal ließ ihn sein Instinkt doch abwarten. Vielleicht war es auch Angst, so genau konnte er das nicht sagen. Aber die Angst, mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren, war noch größer.
Die Ampel an der Kreuzung schaltete auf Rot, und der Strom der Autos stoppte; dafür setzten sich die Fußgänger in Bewegung. Tom behielt sie im Blick.
Unvermittelt flog ein großer Vogel von einem Dach herab, mit nachtschwarzem Gefieder. Er landete sicher auf der niedrigen Metallabsperrung, die die Fahrbahn vom Trottoir trennte, und sah sich mit neugierigem Blick um. Der Vogel erregte Toms Aufmerksamkeit. Ob er aus dem Park kam? Er trug etwas im Schnabel, trippelte zwei beinah lustig anmutende Schritte zur Seite, flatterte auf die Straße hinunter, betrachtete die vor ihm aufragenden Autos ganz genau, als sei er ein Experte für BMWs und Volvos, dann legte er seinen Besitz auf der Straße ab.
Verwundert betrachtete Tom das Schauspiel. Der Vogel musste eine Krähe oder sogar ein Rabe sein, so groß und schwarz, mit einem mächtigen Schnabel und einem schlauen Funkeln in den Augen. Ein Rabe, beschloss Tom aus dem Bauch heraus, ohne zu wissen, warum. Einen letzten Blick warf der Vogel auf sein Werk, dann tat er einen hopsenden Schritt zur Seite, drehte den Kopf – und sah Tom an. Seltsamerweise fühlte der sich ertappt, als habe er gerade jemanden bei einer privaten Sache beobachtet, und er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Dann schlugen die schwarzen Flügel zwei- oder dreimal, und der Vogel flog zur Ampel empor, wo er wenig elegant landete.
Tom wurde erst aus seiner Starre gerissen, als die Autos anfuhren. Der Rabe ließ sich davon nicht stören, sondern beobachtete nur die Straße. Noch immer konnte Tom den Blick nicht abwenden. Es schien, als würde der Vogel auf etwas warten, so wie er da auf der Ampel hockte, den Kopf zwischen die Schultern gezogen.
Dann wurde es wieder rot. Die Autos hielten an, die Fußgänger setzten sich in Bewegung. Und auch der Rabe stieß sich ab und glitt in einem engen Bogen zu Boden. Er hüpfte herum und pickte irgendetwas auf. Es dauerte einige Momente, bis Tom verstand: Eine Nuss. Es war eine Nuss. Er hat sie von den Autos knacken lassen!
Während der Rabe gelassen davonflog und über den Hausdächern verschwand, schüttelte Tom verblüfft den Kopf. Er hatte das Gefühl, Zeuge eines kleinen Wunders geworden zu sein, so als ob Pitbull Tyson zuhause plötzlich nach der Uhrzeit gefragt hätte. Er versuchte, eine Erklärung zu finden, aber es schien ihm total unwahrscheinlich, dass ein einfaches Tier eine so clevere Idee haben konnte.
Weniger clever war allerdings, dass er sich hatte ablenken lassen. Als er seine Augen wieder auf die gegenüberliegende Straßenseite richtete, stand am Geldautomat ein Mann. Er war nicht sehr alt, ziemlich dick, und er trug einen dunklen Anzug, den er mit einem viel zu kleinen Schirm vor dem Regen zu schützen versuchte. Der Anzug signalisierte Geld, der dicke Hintern Gemütlichkeit. Genau richtig, wie Tom fand, der seine Kapuze noch tiefer ins Gesicht zog, langsam im Takt der Musik nickte und sich bereit machte. Unbewusst hielt er den Atem an, zählte im Geiste vor sich hin. Als der Mann nach den Geldscheinen griff, stieß Tom sich von der Wand ab und ging los. Bald lief er parallel zu dem Opfer, die Hände wieder in den Taschen, die Schultern hochgezogen, ließ den Blick nicht vom den Mann, registrierte genau, in welcher Tasche das gut gefüllte Portemonnaie verschwand. Der Dicke lief die Straße entlang, achtete nicht auf seine Umgebung, wollte wahrscheinlich bloß aus dem Regen raus, der sie beide durchweichte. An der nächsten Ampel nutzte Tom den Moment, um zwischen den wartenden Fahrzeugen hindurchzuschlüpfen. Er lief jetzt direkt hinter dem Anzugträger, betrachtete dessen beachtliches Gesäß, atmete tief ein und überholte ihn dann, darauf bedacht, einen ordentlichen Abstand zu halten.
Der Stoß traf ihn in die Seite, ließ ihn zwei Schritte zurücktaumeln, er prallte gegen den Mann, krallte sich in dessen Jackett.
„He, du Penner, pass‘ doch auf!“ Der Schreihals baute sich vor Tom auf, die Hände drohend erhoben. Er trug eine Baseballkappe, eine weite Jeans und eine voluminöse Jacke. „Biste blind?“
„‘tschuldigung“, murmelte Tom, während er sich aufrappelte. „Hab dich nicht gesehen. Kein’ Stress, ok?“
Der Dicke half ihm dabei, sich wieder aufrecht hinzustellen, dann ging er wohlweislich auf Abstand. Zwei Straßenkids, die Ärger suchten, das war nicht seine Welt. Seine Augen schweiften zum Taxistand, der nur ein paar Schritte weit entfernt war.
„Na warte“, zischte Toms Gegenüber und sprang auf ihn zu. „Du Scheiß-Opfer!“
Sofort gab Tom Fersengeld. Er duckte sich zur Seite weg und rannte los. Hinter sich hörte er die Schritte seines Verfolgers. Sein Puls dröhnte in seinen Ohren, übertönte den schnellen Beat der Musik. Seine Finger drehten die Lautstärke auf. Er lief, so schnell er konnte, drängelte sich durch die Passanten, bog um eine Ecke, dann eine weitere, weg von der Hauptstraße, tiefer in die Seitenstraßen. Doch der andere war schnell, zu schnell. Als sie in eine kleine Gasse voller geparkter Wagen einbogen, hielt Tom an und stützte sich keuchend auf die Knie.
Sein Verfolger sprintete um die Ecke, hielt mit einigen langen Schritten an, sah sich um und grinste dann breit.
„Kein’ Stress“, äffte er Tom nach und schüttelte den Kopf. „Alter, du wirst immer besser.“
„Das nächste Mal kannst du ein bisschen lockerer bleiben, Alex“, ranzte Tom zurück und rieb sich die schmerzende Seite, wo ihn der Ellbogen getroffen hatte. Er zog das Portemonnaie aus der Jacke und warf es Alex zu, der es ohne Probleme auffing und sofort öffnete.
„Jackpot!“, rief er, als er das Bündel Geldscheine herauszog. Tom machte einen Schritt auf Alex zu und warf einen Blick in die schwarze Lederbörse, auf der fett ein Designerlogo prangte. Kreditkarten steckten ordentlich in kleinen Fächern, Ausweise und Rechnungen in größeren. Sie filzten das Portemonnaie gründlich, während sie gemeinsam weitergingen. Alex steckte den Perso, die Versicherungscard und die Kreditkarten ein, bevor er die Geldbörse schließlich achtlos unter ein geparktes Auto warf.
„Wie viel ist es?“, erkundigte sich Tom. Die Scheine glitten durch Alex‘ schlanke Finger, sein Mund bewegte sich lautlos. Tom sah zu ihm auf. Alex war einen halben Kopf größer, aber das war nicht verwunderlich, immerhin war er auch mehr als ein Jahr älter als Tom. Noch siebzehn Monate, wie er gern erzählte, und er würde die magische 18 erreichen und dann den ganzen Scheiß hinter sich lassen.
„Sechshundert. Sechs-Fuffzig. Porno!“
„Genug für heute“, erklärte Tom erleichtert, als Alex ihm einen Fünfziger zusteckte.
„Absolut“, pflichtete der Ältere ihm bei. Das Geld wanderte in eine seiner unergründlichen Taschen. Tom passte sich seinem schlendernden Schritt an. Sie beeilten sich nicht; keiner von ihnen hatte es besonders eilig, nach Hause zu kommen. Im Gegenteil, je mehr Zeit sie von dort verschwinden konnten, umso besser war es.
„Lass uns feiern gehen“, schlug Alex nicht ganz unerwartet vor. „Hier im Kiez ist gleich um die Ecke ‘ne Spielhalle. Zocken?“
Tom nickte. Hauptsache nicht zurück zur Familie. Und mit Alex abzuhängen war meistens lustig.
Aber nicht immer.
„Diebe!“, brüllte plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen. Eine kurze Pause entstand, während der Sprecher hörbar nach Luft schnappte, dann tönte es wieder: „Diebe!“
Sie wandten sich gleichzeitig um und sahen den dicken Anzugträger, der mit hochrotem Kopf hinter ihnen herlief. Ungläubig betrachtete Tom ihren Verfolger. Ich dachte, der Typ säße längst in einem Taxi und ließe sich zurück ins Büro kutschieren, schoss er ihm durch den Kopf, während Alex laut lachte.
„Der Fettsack gibt nicht auf. Klingt wie ein beschissener Disney-Film. Die Lok soundso.“ Alex gab übertriebene Keuchlaute von sich und lachte dabei noch immer.
Alex packte Tom an der Schulter und zog ihn mit sich. Sie setzten sich in Bewegung, liefen nebeneinander, nicht einmal besonders schnell. Die Sohlen von Toms Turnschuhen quietschten auf dem nassen Straßenbelag. Mittlerweile war der Regen durch jede Schicht Kleidung gedrungen, die er trug.
„Wir treffen uns bei Bollo“, rief Alex, als er zwischen zwei geparkten Kleinwagen abtauchte und dann mit voller Geschwindigkeit über die Straße lief. Ein Auto bremste quietschend ab, der Fahrer wedelte mit den Armen, aber Alex lachte nur laut und zeigte ihm den Finger.
Ein Blick über die Schulter zeigte Tom, dass der Dicke noch immer an ihm klebte. Er beschleunigte und versuchte, den überraschend hartnäckigen Verfolger abzuschütteln. Dem Anzugtypen musste einfach bald die Puste ausgehen; Tom wog nur etwa ein Drittel von ihm, und er bekam allmählich Seitenstechen.
An manchen Tagen hätte er wirklich einiges darum gegeben, einfach nur Doc Salzbachers gemurmelte Endlosvorträge ertragen zu können.
Während er noch einmal zu einem Spurt ansetzte, um endlich ungesehen in eine Seitenstraße einzubiegen, nahm er aus dem Augenwinkel die Bewegung schwarzer Flügel wahr.
Fortsetzung in Kapitel 2: Streets of Berlin
