Kapitel 1: Abhängen


Tom zog sich in den Schatten des Türeingangs zurück und schob die Hände in die Jackentaschen. Ein leichter Nieselregen fiel vor ihm auf den Asphalt, und er freute sich darüber, denn so würde es aussehen, als habe er sich hier nur untergestellt. Durch die gesprungene Glasscheibe konnte er ein paar ramponierte Briefkästen und einen Kinderwagen sehen. In dem Mietshaus wohnten bestimmt nicht die aufmerksamsten Leute.

Aus den Stöpseln in seinen Ohren drang leise Musik, schnelle Gitarrenriffs und eine melodische Stimme. Er liebte die Band und konnte jedes Stück ihres neuesten Albums mitsingen, aber jetzt gerade hatte er keine Zeit, und er nahm die Musik kaum wahr.

Obwohl es für März nicht sonderlich kalt war, hatte er die Kapuze seines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, und er linste angestrengt unter dem grauen, ausgefransten Saum hervor, der ihm beinahe in die Augen fiel. Mit der Linken fuhr er über das Rad des Players und drehte so die Musik noch leiser.

Toms gesamte Aufmerksamkeit war auf den Geldautomaten auf der anderen Straßenseite gerichtet, der sich in einer Nische zwischen einem Schuhgeschäft und einer kleinen Bankfiliale befand. Eine mollige Frau in einem durchsichtigen Regenmantel stand davor. Sie versuchte, eine Papiereinkaufstüte, aus der Zuccinis und Salat herausragten, mit einem Arm zu halten, während sie mit der anderen Hand ihre Geheimzahl eingab. Menschen mit Einkaufstüten waren normalerweise ideal, aber Tom schüttelte dennoch beinahe unmerklich den Kopf. Für einen zufälligen Beobachter hätte die Bewegung wie eine Reaktion auf die Musik aussehen können. Tatsächlich war es aber ein Zeichen. Die Frau hatte ihr Gemüse bestimmt beim Türken um die Ecke gekauft, sie trug ausgetretene Schuhe, und die Klamotten unter dem durchsichtigen Mantel waren abgetragen. – Keine gute Wahl. Endlich hatte sie es geschafft, ihre Geldbörse wieder zu verstauen, und sie verschwand, die Zucchini-Tüte nun fest im Griff.

Tom würdigte sie keines weiteren Blickes. Der Regen wurde stärker. Perfekt; das bot ihm die Möglichkeit, einfach hier stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass jemand vorbeikam, der besser geeignet war. Die meisten Passanten beeilten sich jetzt, schnell von der Straße zu kommen, hielten Zeitungen oder zogen Mantelkrägen über ihre Köpfe und flüchteten hastig zu H&M oder Starbucks.

Kaum zwei Haltestellen von hier entfernt saßen die Schüler seines Kurses wohl in Mathe und lauschten den gähnend langweiligen Erklärungen von Doc Salzbacher, während sie das Pausenklingeln herbeisehnten. Obwohl Tom in Mathe besser als in so manch anderem Fach war, konnte Salzi auch ihn innerhalb von wenigen Minuten an den Rand des Schlafs reden. Besser als’n Joint, hieß es im Kurs über den Mathe-Doc an der Pensionierungsgrenze. Trotzdem wäre Tom im Augenblick weitaus lieber in dem immer leicht nach schwitzenden Schülern und Automatenkaffee müffelnden Kursraum gewesen als dort, wo er sich gerade befand. Stattdessen spürte er die harte Wand in seinem Rücken und tat unbeteiligt, während er die vorbeihastenden Menschen beobachtete. Bargeld würde der ein oder andere trotz des ätzenden Wetters sicher bald mal brauchen. Und jemand, der es wegen des Regens eilig hatte, war noch besser als eine Tussi mit Einkäufen.

Mit der Zeit bekam man ein Gespür für die Leute. Die Menge auf den Einkaufsstraßen der Großstadt war immer bunt gemischt, Anzugträger liefen neben Hausfrauen, Schulkinder neben Großmüttern, helle Haut neben dunkler, teure Kleidung neben verschlissener. Sie sammelten sich in kleinen Pulks an den Fußgängerampeln, zufällige Gemeinschaften, die sich ebenso schnell wieder auflösten, wie sie zusammenfanden. Aber dafür interessierte sich Tom nicht. Er achtete auf Kleinigkeiten, versuchte, den Preis der Kleidung abzuschätzen, den Gang einzustufen. Wer war Opfer, wer war gefährlich?

Irgendwo in der Nähe ging eine Sirene los. Obwohl Tom ruhig dastand, hämmerte ihm das Herz in der Brust, wie immer, kurz bevor es losging. Der Laut schwoll an, brach dann aber abrupt ab. Gut. Nur ein Autoalarm, den irgendein Idiot ausgelöst hatte.

In seinen Händen spürte Tom das wohl vertraute Kribbeln. Bei dem einen oder anderen Passanten hätte er fast genickt, aber jedes Mal ließ ihn sein Instinkt doch abwarten. Vielleicht war es auch Angst, so genau konnte er das nicht sagen. Aber die Angst, mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren, war noch größer.

Die Ampel an der Kreuzung schaltete auf Rot, und der Strom der Autos stoppte; dafür setzten sich die Fußgänger in Bewegung. Tom behielt sie im Blick.

Unvermittelt flog ein großer Vogel von einem Dach herab, mit nachtschwarzem Gefieder. Er landete sicher auf der niedrigen Metallabsperrung, die die Fahrbahn vom Trottoir trennte, und sah sich mit neugierigem Blick um. Der Vogel erregte Toms Aufmerksamkeit. Ob er aus dem Park kam? Er trug etwas im Schnabel, trippelte zwei beinah lustig anmutende Schritte zur Seite, flatterte auf die Straße hinunter, betrachtete die vor ihm aufragenden Autos ganz genau, als sei er ein Experte für BMWs und Volvos, dann legte er seinen Besitz auf der Straße ab.

Verwundert betrachtete Tom das Schauspiel. Der Vogel musste eine Krähe oder sogar ein Rabe sein, so groß und schwarz, mit einem mächtigen Schnabel und einem schlauen Funkeln in den Augen. Ein Rabe, beschloss Tom aus dem Bauch heraus, ohne zu wissen, warum. Einen letzten Blick warf der Vogel auf sein Werk, dann tat er einen hopsenden Schritt zur Seite, drehte den Kopf – und sah Tom an. Seltsamerweise fühlte der sich ertappt, als habe er gerade jemanden bei einer privaten Sache beobachtet, und er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Dann schlugen die schwarzen Flügel zwei- oder dreimal, und der Vogel flog zur Ampel empor, wo er wenig elegant landete.

Tom wurde erst aus seiner Starre gerissen, als die Autos anfuhren. Der Rabe ließ sich davon nicht stören, sondern beobachtete nur die Straße. Noch immer konnte Tom den Blick nicht abwenden. Es schien, als würde der Vogel auf etwas warten, so wie er da auf der Ampel hockte, den Kopf zwischen die Schultern gezogen.

Dann wurde es wieder rot. Die Autos hielten an, die Fußgänger setzten sich in Bewegung. Und auch der Rabe stieß sich ab und glitt in einem engen Bogen zu Boden. Er hüpfte herum und pickte irgendetwas auf. Es dauerte einige Momente, bis Tom verstand: Eine Nuss. Es war eine Nuss. Er hat sie von den Autos knacken lassen!

Während der Rabe gelassen davonflog und über den Hausdächern verschwand, schüttelte Tom verblüfft den Kopf. Er hatte das Gefühl, Zeuge eines kleinen Wunders geworden zu sein, so als ob Pitbull Tyson zuhause plötzlich nach der Uhrzeit gefragt hätte. Er versuchte, eine Erklärung zu finden, aber es schien ihm total unwahrscheinlich, dass ein einfaches Tier eine so clevere Idee haben konnte.

Weniger clever war allerdings, dass er sich hatte ablenken lassen. Als er seine Augen wieder auf die gegenüberliegende Straßenseite richtete, stand am Geldautomat ein Mann. Er war nicht sehr alt, ziemlich dick, und er trug einen dunklen Anzug, den er mit einem viel zu kleinen Schirm vor dem Regen zu schützen versuchte. Der Anzug signalisierte Geld, der dicke Hintern Gemütlichkeit. Genau richtig, wie Tom fand, der seine Kapuze noch tiefer ins Gesicht zog, langsam im Takt der Musik nickte und sich bereit machte. Unbewusst hielt er den Atem an, zählte im Geiste vor sich hin. Als der Mann nach den Geldscheinen griff, stieß Tom sich von der Wand ab und ging los. Bald lief er parallel zu dem Opfer, die Hände wieder in den Taschen, die Schultern hochgezogen, ließ den Blick nicht vom den Mann, registrierte genau, in welcher Tasche das gut gefüllte Portemonnaie verschwand. Der Dicke lief die Straße entlang, achtete nicht auf seine Umgebung, wollte wahrscheinlich bloß aus dem Regen raus, der sie beide durchweichte. An der nächsten Ampel nutzte Tom den Moment, um zwischen den wartenden Fahrzeugen hindurchzuschlüpfen. Er lief jetzt direkt hinter dem Anzugträger, betrachtete dessen beachtliches Gesäß, atmete tief ein und überholte ihn dann, darauf bedacht, einen ordentlichen Abstand zu halten.

Der Stoß traf ihn in die Seite, ließ ihn zwei Schritte zurücktaumeln, er prallte gegen den Mann, krallte sich in dessen Jackett.

„He, du Penner, pass‘ doch auf!“ Der Schreihals baute sich vor Tom auf, die Hände drohend erhoben. Er trug eine Baseballkappe, eine weite Jeans und eine voluminöse Jacke. „Biste blind?“

„‘tschuldigung“, murmelte Tom, während er sich aufrappelte. „Hab dich nicht gesehen. Kein’ Stress, ok?“

Der Dicke half ihm dabei, sich wieder aufrecht hinzustellen, dann ging er wohlweislich auf Abstand. Zwei Straßenkids, die Ärger suchten, das war nicht seine Welt. Seine Augen schweiften zum Taxistand, der nur ein paar Schritte weit entfernt war.

„Na warte“, zischte Toms Gegenüber und sprang auf ihn zu. „Du Scheiß-Opfer!“

Sofort gab Tom Fersengeld. Er duckte sich zur Seite weg und rannte los. Hinter sich hörte er die Schritte seines Verfolgers. Sein Puls dröhnte in seinen Ohren, übertönte den schnellen Beat der Musik. Seine Finger drehten die Lautstärke auf. Er lief, so schnell er konnte, drängelte sich durch die Passanten, bog um eine Ecke, dann eine weitere, weg von der Hauptstraße, tiefer in die Seitenstraßen. Doch der andere war schnell, zu schnell. Als sie in eine kleine Gasse voller geparkter Wagen einbogen, hielt Tom an und stützte sich keuchend auf die Knie.

Sein Verfolger sprintete um die Ecke, hielt mit einigen langen Schritten an, sah sich um und grinste dann breit.

„Kein’ Stress“, äffte er Tom nach und schüttelte den Kopf. „Alter, du wirst immer besser.“

„Das nächste Mal kannst du ein bisschen lockerer bleiben, Alex“, ranzte Tom zurück und rieb sich die schmerzende Seite, wo ihn der Ellbogen getroffen hatte. Er zog das Portemonnaie aus der Jacke und warf es Alex zu, der es ohne Probleme auffing und sofort öffnete.

„Jackpot!“, rief er, als er das Bündel Geldscheine herauszog. Tom machte einen Schritt auf Alex zu und warf einen Blick in die schwarze Lederbörse, auf der fett ein Designerlogo prangte. Kreditkarten steckten ordentlich in kleinen Fächern, Ausweise und Rechnungen in größeren. Sie filzten das Portemonnaie gründlich, während sie gemeinsam weitergingen. Alex steckte den Perso, die Versicherungscard und die Kreditkarten ein, bevor er die Geldbörse schließlich achtlos unter ein geparktes Auto warf.

„Wie viel ist es?“, erkundigte sich Tom. Die Scheine glitten durch Alex‘ schlanke Finger, sein Mund bewegte sich lautlos. Tom sah zu ihm auf. Alex war einen halben Kopf größer, aber das war nicht verwunderlich, immerhin war er auch mehr als ein Jahr älter als Tom. Noch siebzehn Monate, wie er gern erzählte, und er würde die magische 18 erreichen und dann den ganzen Scheiß hinter sich lassen.

„Sechshundert. Sechs-Fuffzig. Porno!“

„Genug für heute“, erklärte Tom erleichtert, als Alex ihm einen Fünfziger zusteckte.

„Absolut“, pflichtete der Ältere ihm bei. Das Geld wanderte in eine seiner unergründlichen Taschen. Tom passte sich seinem schlendernden Schritt an. Sie beeilten sich nicht; keiner von ihnen hatte es besonders eilig, nach Hause zu kommen. Im Gegenteil, je mehr Zeit sie von dort verschwinden konnten, umso besser war es.

„Lass uns feiern gehen“, schlug Alex nicht ganz unerwartet vor. „Hier im Kiez ist gleich um die Ecke ‘ne Spielhalle. Zocken?“

Tom nickte. Hauptsache nicht zurück zur Familie. Und mit Alex abzuhängen war meistens lustig.

Aber nicht immer.

„Diebe!“, brüllte plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen. Eine kurze Pause entstand, während der Sprecher hörbar nach Luft schnappte, dann tönte es wieder: „Diebe!“

Sie wandten sich gleichzeitig um und sahen den dicken Anzugträger, der mit hochrotem Kopf hinter ihnen herlief. Ungläubig betrachtete Tom ihren Verfolger. Ich dachte, der Typ säße längst in einem Taxi und ließe sich zurück ins Büro kutschieren, schoss er ihm durch den Kopf, während Alex laut lachte.

„Der Fettsack gibt nicht auf. Klingt wie ein beschissener Disney-Film. Die Lok soundso.“ Alex gab übertriebene Keuchlaute von sich und lachte dabei noch immer.

Alex packte Tom an der Schulter und zog ihn mit sich. Sie setzten sich in Bewegung, liefen nebeneinander, nicht einmal besonders schnell. Die Sohlen von Toms Turnschuhen quietschten auf dem nassen Straßenbelag. Mittlerweile war der Regen durch jede Schicht Kleidung gedrungen, die er trug.

„Wir treffen uns bei Bollo“, rief Alex, als er zwischen zwei geparkten Kleinwagen abtauchte und dann mit voller Geschwindigkeit über die Straße lief. Ein Auto bremste quietschend ab, der Fahrer wedelte mit den Armen, aber Alex lachte nur laut und zeigte ihm den Finger.

Ein Blick über die Schulter zeigte Tom, dass der Dicke noch immer an ihm klebte. Er beschleunigte und versuchte, den überraschend hartnäckigen Verfolger abzuschütteln. Dem Anzugtypen musste einfach bald die Puste ausgehen; Tom wog nur etwa ein Drittel von ihm, und er bekam allmählich Seitenstechen.

An manchen Tagen hätte er wirklich einiges darum gegeben, einfach nur Doc Salzbachers gemurmelte Endlosvorträge ertragen zu können.

Während er noch einmal zu einem Spurt ansetzte, um endlich ungesehen in eine Seitenstraße einzubiegen, nahm er aus dem Augenwinkel die Bewegung schwarzer Flügel wahr.


Fortsetzung in Kapitel 2: Streets of Berlin

 
 

Kapitel 2: Streets of Berlin


Ein rascher Blick über die Schulter zeigte Tom, dass der Spurt nicht gereicht hatte, um den Dicken abzuschütteln. Er konnte sich nur darüber wundern, wie erstaunlich schnell der Mann trotz seines Körperumfangs war. Und er gab nicht auf, obwohl es inzwischen klang, als würde ihm gleich die Lunge platzen. Tom, der beim Kicken meist in der Abwehr spielte, hielt sich selbst nicht für einen begnadeten Läufer, aber es musste ihm doch gelingen, diesen Büronappel abzuhängen!

Früher oder später würde jemandem die kleine Verfolgungsjagd auffallen, und auch wenn dieser Kiez nicht unbedingt weltberühmt für die gute Zusammenarbeit der Leute mit der Polizei war - irgendwer würde sich Tom in den Weg stellen, und er hatte keine Lust auf einen weiteren Besuch auf einer Wache. Also rannte er noch schneller als zuvor weiter.

Die Straßen hier waren eng und voller Autos. Auf den Gehsteigen lagerten Müllsäcke und Sperrmüll. An fast allen Hauswänden prangten Tags, aber Tom hatte keine Zeit, um darauf zu achten, wer hier das Gebiet für sich beanspruchte. Wild sah er sich nach Möglichkeiten um, seinen Verfolger endlich loszuwerden. Weiter vorn war ein Haus beinahe komplett abgerissen worden. Nur noch eine Wand war übriggeblieben, an der die Reste dreier abgebrochener Stockwerke erkennbar waren. Ein Bauzaun voller übereinandergeklebter Plakate versperrte die Sicht auf das Gelände. Das ist es, schoss es Tom durch den Kopf. Noch einmal gab er alles, nahm Anlauf, sprang ab, packte die obere Kante des Zauns und zog sich daran hoch. Seine Rolle über die Kante war wenig elegant, und als er sich fallen ließ, knickte sein rechter Fuß weg. Er strauchelte, traf mit dem Knie schmerzhaft auf dem Boden auf und fiel beinahe aufs Gesicht. Aber er hatte erst einmal das Hindernis zwischen sich und weiteren Stress gebracht. Allerdings war seine Jacke an einem hervorstehenden Nagel des Zauns hängen geblieben, und ein langer Riss verunzierte sie nun.

„Verdammt.“

„Die-hieb!“, ertönte es hinter ihm. „Haltet … den …“ Tom atmete zwei-, dreimal ein und aus. Die keuchende Stimme war erst ganz nah, entfernte sich dann aber. Scheint, als ob ich‘s gepackt hätte.

Als Tom weiterlief, durchzuckte ein greller Schmerz vom Knöchel her sein Bein. Er verzog das Gesicht, aber es war nicht so schlimm, dass er nicht auftreten konnte.

Er humpelte über das Baugelände. Überall lag Schutt herum, der wohl durch die Abrissbirne entstanden war. In der Mitte des Geländes befand sich eine große Grube, in der schlammiges, lehmfarbenes Wasser stand. Vorsichtig umrundete Tom ein großes Stück Beton, aus dem wie zwei Finger rostige Eisenträger ragten.

Er blieb stehen und sah sich um. Am besten überquerte er die ganze Fläche und stieg auf der anderen Seite wieder über den Zaun. Vermutlich würde das zwar einen ziemlichen Umweg bedeuten, aber so war immerhin sichergestellt, dass er dem übergewichtigen Kurzstreckenläufer nicht wieder vor die Flinte geriet.

Am anderen Ende des Geländes stand ein Bauwagen, daneben einige schwere Fahrzeuge, Bagger, Laster und dergleichen, aber von Arbeitern war nichts zu sehen. Auch der Rabe war verschwunden, wie Tom beinahe enttäuscht feststellte.

„Besser ist das“, murmelte er zu sich selbst, während er einen Bogen um die Baugrube machte. „Ein Pechvogel reicht völlig aus.“

Eine alte Erinnerung stieg in ihm auf, irgendein Kinderlied von schwarzberockten Vögeln, die am Himmel kreisten, aber er konnte die Worte nicht wirklich zusammenbringen. Und wer hatte das Lied überhaupt gesungen?

Aber er hatte größere Probleme als vergessene Liedstrophen. Mit dem Riss in der Jacke, das würde Ärger geben, dessen war er sich sicher, doch wenn er wegen des Knöchels zum Arzt musste, würde das richtig übel werden.

So schnell er konnte, überquerte er die Baustelle; die Schmerzen waren immerhin auszuhalten, und im Moment vermochte er ohnehin nichts gegen sie zu tun.

Endlich erreichte Tom die andere Seite des Geländes, wo der Bauzaun ihm den Weg in die Freiheit versperrte. Rechts bei dem Bauwagen gab es ein Tor, aber das erwies sich auch nach mehrmaligem Rütteln als verschlossen. Durch die Latten des Zauns konnte er außen ein Kette sehen, die das Tor zuhielt. Verdammt nochmal!

Also seufzte er, testete noch einmal die Belastbarkeit seines Knöchels, indem er ein paar Mal fest auftrat und dabei die Zähne zusammenbiss, und begann dann zu klettern, doch diesmal deutlich langsamer und vorsichtiger als auf seinem Weg hinein. So vertieft war er in die Aufgabe, dass er vollkommen überrascht war, als jemand seine Beine packte und ihn umstandslos vom Zaun zurückzerrte.

„Was machst du denn hier, Kleiner?“

Der Mann, der ihn an der Kapuze hielt, war gut zwei Köpfe größer, trug einen dunklen Overall und einen quietschgelben Schutzhelm. Ein mächtiger Schnauzer prangte auf seiner Oberlippe, und seine buschigen Brauen waren zusammengezogen.

„‘tschuldigung“, erwiderte Tom hastig. „Ich … ich wollte nur …“

„Was stehlen? Irgendeinen Mist an die Wände schmieren? Mit Jungs von deiner Sorte haben wir hier oft genug zu tun.“

Von meiner Sorte? Der Sorte Unglücksrabe?, fuhr es Tom durch den Kopf, aber laut sagte er: „Nein. Wirklich nicht. Ich …“ Er überlegte hastig. Was würde ihm der Schnauz wohl abkaufen? „Da waren zwei Typen, so Schläger, die wollten mein Geld. Da bin ich über den Zaun geklettert.“

Die Miene des Mannes veränderte sich nicht, aber als er wieder sprach, war seine Stimme milder: „Zwei gleich, ja?“

„Ja, so große Typen. Der eine hatte ein Messer“, dichtete Tom dazu und versuchte, Furcht in seine Stimme zu legen. So schwer war das nicht, denn der Bauarbeiter mit den groben Händen jagte ihm tatsächlich Angst ein.

„Was machst du denn um diese Zeit auf der Straße? Solltest du nicht in der Schule sein?“

„Freistunde. Ich wollte zum Bäcker, ‘ne Schrippe kaufen.“

Die Lügen kamen Tom leicht über die Lippen. Alex hatte ihm vorgeführt, wie man das richtig machte. Nichts Wildes herumschwafeln, keine großen Lügengebäude bauen, sondern bloß Kleinigkeiten erfinden. Zu echten Erlebnissen ein bisschen was dazudichten. Das war fast immer plausibler und wurde leichter geglaubt, als wenn man gleich einen ganzen Film erzählte. Tom war gut darin; nur zuhause hatten seine Lügen meist kurze Beine. Irgendwie hatte der Alte ein fast unheimliches Gespür dafür, konnte Wahrheit und Lüge einfach so erkennen. Und die Konsequenzen von Lügen waren stets schmerzhaft.

„Eine Schrippe.“ Der Mann sah auf seine Armbanduhr. Seine Handgelenke waren dick, seine Arme muskulös und von dichtem, dunklem Haar bedeckt. Er löste seine Hand von Toms Arm. „Das hier ist kein Spielplatz. Hier kann man sich verletzen, das ist gefährlich.“

„Ja, ja, ich weiß. Ich wollte ja auch nicht …“

„Troll dich“, knurrte der Bauarbeiter und zog Tom an der Kapuze zum Tor. Er ließ den Jungen los und fingerte einen großen Schlüsselbund aus der Tasche. Es waren bestimmt zwei Dutzend Schlüssel daran befestigt und dazu ein kleines, abgeschabtes Männchen mit einem Helm auf dem runden Kopf, das grinsend den Daumen hob. Tom ließ die Augen nicht von den Schlüsseln, die vermutlich alle Schlösser auf der ganzen Baustelle öffnen konnten. Der Mann griff durch die Zaunlatten und zog die Kette zu sich heran, bis er das Vorhängeschloss erreichte. Er öffnete das Schloss und nahm es ab. Es verschwand beinahe in seiner riesigen Faust.

„Danke“, murmelte Tom und senkte den Blick. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie der Mann den Schlüsselbund zurück in die Tasche steckte. Das Tor, der Bauwagen mit dem Werkzeug oder sogar der Bagger oder die Planierraupe – der Schlüsselbund bot ungeahnte Möglichkeiten. Tom wusste, was Alex machen würde. Für so viele Schlüssel musste man geschickt sein, die machten Lärm, wenn man nicht aufpasste. Schon zuckten seine Finger, aber dann quetschte er sich nur an dem Arbeiter vorbei aus dem Tor und sagte noch einmal: „Danke.“

Hinter ihm schlug das Tor wieder zu, und die Kette rasselte, als der Bauarbeiter sie wieder verschloss. Einen Atemzug lang blieb Tom einfach stehen und versuchte, sich zu beruhigen. Die fast vergessenen Schmerzen in seinem Knöchel kehrten wieder zurück, und seine Knie zitterten. Seine Anspannung machte sich in einem aus seinem tiefsten Innern kommenden Fluch Luft.

Der Diebstahl, die Verfolgungsjagd, der Rabe und der Bauarbeiter - die Ereignisse der letzten zwanzig Minuten hatten ihn mehr mitgenommen, als er sich eingestehen wollte. Sein Herz raste, und sein Mund war trocken. Es erschien ihm plötzlich wie ein Wunder, dass ihm der Arbeiter einfach so geglaubt und nicht zufällig die Rufe des Bestohlenen gehört hatte.

So kaltblütig Tom sich Augenblicke zuvor noch gefühlt hatte, jetzt war davon nichts mehr übrig. Noch einmal atmete er tief ein und aus, dann zog er die Kapuze über den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung. Automatisch verfiel er in seinen üblichen schlurfenden Gang, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen. Das ungute Gefühl in der Magengrube blieb, aber dann erinnerte er sich an das Geld. Einen Fünfziger in der Tasche und genug bei Alex, um heute Abend sorglos nach Hause zu können. Das hob seine Laune, und dennoch sah er sich immer wieder misstrauisch um. Dem Bestohlenen traute er nach der Verfolgungsjagd alles zu, und mit dem verstauchten Fußgelenk würde er noch so einen Spurt vermutlich nicht schaffen.

Aber es ertönten keine Rufe mehr hinter ihm, kein rotes, wütendes Gesicht tauchte zwischen den Passanten auf, keine Sirenen, keine Polizei, wie Tom erleichtert feststellte. Er schlug den Weg in Richtung Bollo ein. Bollo, das war eine Currywurstbude, oder vielmehr ihr Besitzer. Bei Bollo würde er hoffentlich auf Alex treffen, ein bisschen abhängen, am Automaten Kleingeld verdaddeln und Fritten essen, bis sie zurück mussten. Es war eine angenehme Vorstellung, eine kleine, wenn auch fettige, Oase der Ruhe im Sturm des Tages.

Eine Bewegung fiel Tom ins Auge, ein dunkler Schatten über ihm. Er sah nach oben, und der Nieselregen fiel auf sein Gesicht. Auf einem Balkon im ersten Stock eines alten Mietshauses saß … schon wieder ein Rabe. Sein Gefieder war aufgeplustert, und er hüpfte von links nach rechts und wieder zurück. Dabei schienen seine schwarzen Augen den Jungen mit unergründlichem Blick zu fixieren.

Erstaunt blieb Tom stehen und versuchte zu erkennen, ob es dasselbe Tier war wie zuvor. Fast glaubte er es, aber sicher konnte er sich nicht sein.

„Wo ist deine Nuss?“, fragte er halblaut, mehr an sich selbst als an den Raben gewandt. Dennoch fühlte er sich unvermittelt dumm, weil er mit einem Vogel sprach, und er schüttelte den Kopf. Eine Antwort war von dem Raben ohnehin nicht zu erwarten, also ging er weiter, versunken in düstere Gedanken.

„Aha-chtung!“, krächzte es über ihm und dann noch einmal: „Achtung!“

Hat der Rabe gerade „Achtung“ gesagt? Mann, du spinnst doch …

Noch bevor Tom den Gedanken zu Ende gebracht hatte oder auf die Warnung reagieren konnte, sprangen eine Handvoll Gestalten aus einer Seitengasse und umstellten ihn. Jugendliche, kaum älter als er, mit Kapuzensweatshirts, Baseballkappen und finsteren Mienen.

„Was machst du hier? Das ist unser Turf, Kleiner!“

Ein schneller Blick auf eine nahe Wand bestätigte Toms schlimmste Befürchtungen: er war, ohne es zu merken, mitten in das Revier der 83er gelaufen. Das halbe Dutzend Mitglieder der Gang umkreiste ihn wie ein Rudel Wölfe. Langsam, lauernd. Der Anführer hatte sich vor Tom aufgebaut, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt, und sah ihn herausfordernd an.

An manchen Tagen sollte man gar nicht erst aufstehen, schoss es Tom durch den Kopf, da stieß ihn auch schon jemand in den Rücken, und er taumelte nach vorn.

„Also?“

„Kein’ Stress“, erwiderte Tom, als er sich aufrappelte. „Ich will hier nur …“

„Abzocken“, unterbrach ihn der Anführer. „Ihr beschissenen Waisen denkt, dass euch alles gehört und ihr überall eure Nummer abziehen könnt. Bei uns nicht, Kleiner. Wir machen dich platt.“

Tom wich zurück, als sein Gegenüber die Fäuste hob und ihn grimmig anfunkelte.

„Mach ihn fertig, Aki“, johlte jemand hinter Tom.

Tom selbst ließ die Arme einfach hängen, wollte auf keinen Fall provozieren. „Bleib locker“, bat er eindringlich. „Ich will mir nur ‘ne Pommes holen. Kein Abrippen, nichts.“

Diesmal log er nicht, aber er ahnte bereits, dass es egal sein würde. Die Gangs in der Stadt mochten keine Konkurrenz, schon gar nicht von Toms Familie.

„Ihr kommt hier einfach her und klaut unseren Scheiß“, befand Aki finster. „Ihr habt keinen Respekt, das ist euer Problem.“ Er hob die Faust. Ein breiter Goldring funkelte an einem seiner Finger.

Toms ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf diesen Ring. Er nahm jedes Detail auf, die kleine Delle, den verzierten Rand. Er wusste, dass ihn die Faust bald treffen würde, ahnte den Schmerz bereits, aber er konnte den Blick nicht von dem Ring lassen, konnte die Fäuste nicht heben, war unfähig, sich zu wehren.

Dann schepperte es, als eine leere Dose Aki am Kopf traf.

„He! Versuch’s doch bei einem von deiner Größe, Arschloch!“

Alex’ Stimme riss Tom aus seiner Trance. Alle sahen zu dem älteren Jungen hinüber, der sich breitbeinig auf dem Bürgersteig aufgebaut hatte. Tom hätte fast einen Jubelruf ausgestoßen. Stattdessen nutzte er den Moment der Ablenkung, stieß einen der Jungen beiseite und sprang durch die Lücke. Wütende Rufe folgten ihm, aber als er sich neben Alex umdrehte, sah er, dass niemand hinter ihm her war.

„Wir plätten euch beide“, drohte Aki und rieb sich die Schläfe. Er machte jedoch keine Anstalten, etwas zu unternehmen. Seine Baseballkappe war verrutscht und ließ ihn jetzt eher verwirrt als cool aussehen.

Tom bemerkte aus dem Augenwinkel, dass der Rabe noch immer auf seinem Beobachtungsposten saß und die Menschen nicht aus den Augen ließ. Furchtloses Vieh, das muss man ihm lassen.

„Wir wollen nur hier durch“, entgegnete Tom schnell, bevor Alex auf die Drohung reagieren konnte. „Nach Hause.“

„Ihr Vorstadtpenner!“, rief der Junge, den Tom zur Seite gestoßen hatte, und warf sich in die Brust.

Die wenigen Passanten, die auf der Straße zu sehen waren, machten längst einen großen Bogen um sie, wechselten die Straßenseite und blickten nicht zu ihnen herüber. Bloß selbst keinen Ärger haben. Tom konnte es ihnen nicht verübeln.

Neben sich hörte er ein Klicken. Alex ließ sein Butterflymesser durch die Luft wirbeln. Der Griff und die Klinge waren nur noch verschwommene Schemen. Er grinste breit, dann zuckte sein Handgelenk, und er hielt das Messer wieder in der Hand, zu allem bereit. „Oder wir bleiben hier“, erklärte er ruhig. „Und tanzen ein bisschen mit euch.“

Während Toms Herz so heftig schlug, dass er es bis in die Zehen spürte, schien Alex unglaublich ruhig zu sein. Fast so, als freue er sich auf einen Kampf. Vielleicht lag es an dem Messer, vielleicht an Alex‘ Blick, jedenfalls sagte keiner der 83er etwas.

„Wir sind gleich weg“, warf Tom ein und ergriff Alex am Arm. Er ging langsam rückwärts, zog den Älteren mit sich. Der ließ es geschehen, aber seine ganze Pose zeigte, dass er jederzeit bereit war, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Anders als ihre Kontrahenten. Von denen machte keiner Anstalten, ihnen zu folgen, bis Tom sich umdrehte und seine Schritte beschleunigte.

„Pussies“, lachte Alex und ließ das Messer nach einer weiteren Zurschaustellung seines Könnens wieder in der Jackentasche verschwinden. „Bollo?“

„Alter, die hätten mir beinahe die Lichter ausgeknipst“, fuhr Tom ihn an. „Ich will nur noch nach Hause.“

„Ich war doch da“, erwiderte Alex erstaunt. „Ich hau dich doch immer raus, kleiner Bruder. Oder nicht?“

„Doch“, gestand Tom, aber der Ärger in seinem Innern wollte nicht verfliegen. Alex hatte recht: er war immer für Tom da, stand ihm zur Seite, half ihm stets aus der Patsche. Nur nicht zuhause. Zuhause halten wir alle die Klappe.

Den Rest des Heimwegs schwiegen sie. Selbst in der U- und S-Bahn saßen sie sich stumm gegenüber, jeder in seine Gedanken vertieft. Alex starrte aus den verschmierten Fenstern, und Tom zog sein Handy aus der Jackentasche und klickte das große F an. Eine Handvoll Mitteilungen erschienen auf dem Display. Gestern hatte er, voller Frust über den Alten und einen total verkorksten Tag bei Facebook etwas über sein Zuhause geschrieben. Jetzt schlug sein Freund Patrick ihm vor, beim Jugendamt nachzufragen, ob man ihm etwas über seine leiblichen Eltern sagen könne.

Bislang waren Behörden und Ämter Tom nicht gerade hilfreich erschienen. Amt, das klang nach Leuten, die gern blöde Fragen stellten. Und schließlich war es irgendeine solche Stelle oder Behörde gewesen, die ihn dahin gebracht hatte, wo er jetzt war. Aber die Idee, die Suche nach seinen Eltern selbst in die Hand zu nehmen, gefiel ihm, trotz seines Misstrauens. Schnell tippte er eine Antwort. Dann steckte er das Handy wieder ein, schloss die Augen und grübelte eine Weile darüber nach, wie er wohl am besten vorgehen sollte.

Neun Stationen, zweimal umsteigen. Kurz vor der Haltestelle, an der sie schließlich raus mussten, kramte Tom den Fünfziger aus der Tasche, zog einen Sneaker aus und schob den Geldschein unter die lose Innensohle. Alex beobachtete ihn dabei mit starrer Miene, sagte aber nichts.

Als sie ausstiegen, wurde es schon dunkel. Der Regen war wieder stärker geworden, und in den Lichtkegeln der Straßenlaternen sah man die Tropfen vom Himmel fallen, endlos viele, alle zusammen, und doch jeder für sich allein.

Im Haus brannte im Erdgeschoss Licht, und durch die marode Tür konnte Tom bereits die Stimme des Alten hören.

„Hundert? Was soll das? Nur hundert?“

Eine leise Stimme antwortete, zu leise, als dass Tom hätte erkennen können, wer dort angeschrien wurde. Aber es war auch egal; jedes der elf Pflegekinder erwischte es irgendwann mal. Das klatschende Geräusch einer Ohrfeige ertönte, rasch gefolgt von zwei weiteren Schlägen. Jemand jaulte auf. Der Alte kannte keine Gnade, weder den Jüngsten noch den Schwächsten gegenüber.

Auf der obersten Treppenstufe hielt Tom inne. Sein Innerstes verkrampfte sich, und jetzt wünschte er sich, sie wären doch zu Bollo gegangen. Dann hätte er jetzt keinen Hunger und keine Angst, sondern eine Schale Pommes frites in der Hand, und er würde Witze mit Alex reißen.

Plötzlich spürte Tom die Hand des Älteren auf seiner Schulter, den beruhigenden Druck. „Wir haben heute genug“, sagte Alex leise, und Tom nickte leicht und griff nach der Klinke.

Als er die Tür öffnete und eintrat, drang kurz die wütende Tirade nach draußen, bevor sich die Tür wieder hinter den beiden schloss.

Den schwarzen Vogel, der lautlos auf dem Dachfirst landete, sah Tom nicht mehr.


Fortsetzung in Kapitel 3: Nachts im Garten

 
 

Kapitel 3: Nachts im Garten


Der Hausflur war düster. Lediglich ein schmaler Lichtstreifen fiel durch das milchige Glas der unteren Wohnungstür und beschien das abgenutzte Linoleum des Fußbodens. Die Treppe, die nach oben führte, lag im Dunkeln; von dort kam kein Geräusch, und als die Haustür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel, verstummten auch die lauten Stimmen von unten.

Er hört selbst über sein Schreien hinweg, wenn wir zurückkommen, dachte Tom. Als ob er einen siebten Sinn dafür hätte.

Alex und er zogen die nassen Jacken aus und hängten sie an die noch freien Haken, neben Mäntel, Anoraks und Jacken in den verschiedensten Größen, Formen und Farben. Für einen flüchtigen Betrachter mochte es so aussehen, als ob eine glückliche Großfamilie in dem Haus wohnte. Ein erster Eindruck, den der Alte nur zu gern vermittelte, besonders, wenn irgendjemand Offizielles hier vorbeischaute. Ein altes Haus mit Garten, bewohnt von pflichtbewussten Pflegeltern und beinahe einem Dutzend Kindern, die es hier gut hatten. Es sind einfache Verhältnisse, aber die Kinder aus diesem Milieu kennen es ja nicht anders. Das hatte die letzte Frau vom Jugendamt Treptow-Köpenick gesagt, die hier gewesen war.

Offenbar glaubten die Leute vom Amt den ganzen Mist, der ihnen hier vorgespielt wurde, denn sonst hätten sie dem Alten und seiner Frau die Kinder sicher schon längst weggenommen.

Tom jedoch wusste es besser. Mit einem Mal spürte er den Geldschein in seinem Schuh wieder, als würde das schmale Stück Papier heiß werden.

„Komm“, flüsterte Alex und warf einen nervösen Blick auf den Lichtschein. „Bringen wir es hinter uns.“

Er öffnete die Wohnungstür, und sofort stieg Tom der Geruch von Essen in die Nase. Sein Magen reagierte mit einem deutlichen Grummeln, und ihm wurde bewusst, dass er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.

„Ab nach oben, und komm heute ja nicht wieder runter“, dröhnte die Stimme des Alten plötzlich los, gefolgt von einem erneuten Klatschen. Eine Gestalt tauchte im hellen Türrahmen der Küche auf, klein, geduckt. Tom erkannte Benjamin, der sich die Wange hielt und mit gesenktem Blick an ihnen vorbeirannte. Am liebsten hätte er dem knapp Zwölfjährigen etwas zugeflüstert, irgendetwas Nettes, Ermutigendes, aber seine Lippen wollten sich einfach nicht öffnen.

Alex ging weiter, schob die Hände in die Hosentaschen seiner Jeans und zog die Schultern trotzig hoch. Auch wenn Tom ihn nur von hinten sah, wusste er genau, dass Alex’ Miene kalt und ungerührt war. Er hatte häufig genug gesehen, wie Alex unter den Tiraden des Alten wirkte, als ginge ihn das alles gar nichts an. Oft hatte sich Tom gewünscht, dass er ebenso sein könnte. Aber das Brennen auf seinen Wangen zeigte ihm wieder einmal, dass er seine Gefühle nicht so einfach verbergen konnte.

Vor der Tür herumzustehen half auch nichts. Also tat Tom es Alex nach, machte sich innerlich bereit und trat in die Küche.

Das gelbliche, warme Licht der Deckenlampe verbarg den abgenutzten Zustand der Schränke, ließ die schäbigen braunen Möbel fast einladend wirken. Der Alte hatte an dem großen Tisch Platz genommen, der den gesamten hinteren Teil des Raumes einnahm. Auf der völlig verkratzten Platte standen einige schmutzige Teller und eine Bierflasche.

Selbst im Sitzen wirkte der Alte groß, in Toms Augen fast grotesk riesig. Er war hager, mit schmalen Schultern und einem langen Hals, auf dem der kantige Kopf seltsam deplatziert wirkte. Sein Gesicht war eingefallen, und durch die tief liegenden Augen mit den ausgeprägten Tränensäcken wirkte er stets müde, aber das Funkeln in seinem Blick verriet, dass er ziemlich wach war und nur darauf lauerte, dass jemand in seiner Gegenwart einen Fehler machte. Die graublonden Haare hatte er über die kahle Stelle an seinem Hinterkopf gekämmt; sie wirkten nass und strähnig. Er trug ein gestreiftes Hemd, das er aus dem Hosenbund gezogen und weit aufgeknöpft hatte, so dass Tom das verschwitzte Unterhemd darunter und die hellen Haarbüschel auf seiner Brust sehen konnte.

„Ah, ihr beiden. Wird aber auch Zeit“, bellte er mit seiner erstaunlich tiefen Stimme, die nicht zu seinem dünnen Körper zu passen schien. Er streckte einen Arm aus und hielt ihnen seine Hand entgegen.

Alex trat ohne zu zögern vor, zog das Bündel Geldscheine aus der einen Hosentasche, Ausweis und Karten aus der anderen und reichte alles dem Alten. Ein kurzer Blick auf die Karten, dann legte der Alte sie auf den Tisch und blätterte rasch durch die Scheine.

„Fünfhundert? Ist das alles?“

Er starrte die beiden misstrauisch an. Der Fünfziger in Toms Schuh war nun wie glühende Kohlen. In den letzten paar Monaten hatte das hier bloß einmal funktioniert, und Tom hatte sich von der abgezweigten Kohle das Handy gekauft. An die anderen Male, als es nicht funktioniert hatte, wollte er gerade nicht denken. Seine Kehle war trocken, und er wollte schlucken, tat es aber nicht, um sich nicht zu verraten.

Der Alte stand auf und baute sich vor den beiden Jungen auf. Tom blickte hastig zu Boden, aber er wusste auch so, dass der Alte ihn um zwei Haupteslängen überragte.

„Hast du mir nichts mehr zu geben, hm?“

Fast hätte Tom seinen Turnschuh hochgerissen und dem Alten den Fünfziger überreicht. Sein Magen fühlte sich wie ein Stück Eis an. Doch er brauchte das Geld, und so schüttelte er hastig den Kopf.

„Weißt du, was dein Problem ist, Junge? Einem wie dir kann man einfach nicht trauen. Dir liegt das Lügen doch im Blut, das sieht man dir schon an. Wer weiß, wer deine Eltern waren! Wahrscheinlich Zigeuner, die auch nie ein wahres Wort gesagt haben.“

Tom biss sich auf die Unterlippe. Seine unbekannten Eltern waren ein Lieblingsthema des Alten, und er konnte sich endlos in Vermutungen darüber ergehen, von wem er und Alex wohl abstammen mochten. Nicht, dass er Benny beneidet hätte, dessen Mutter das Sorgerecht verloren hatte, weil sie betrunken ihre Wohnung angezündet hatte. Aber zumindest wusste er, wer sie war.

„Also, Junge. Denk nochmal drüber nach.“ Die Stimme des Alten war jetzt nur noch ein bedrohliches Flüstern. „Hast du sonst wirklich nichts? Wenn das nicht stimmt, holt Alex hier

den Stock, und es wird dir ziemlich bald ...“

„Sorry“, fiel Alex dem Alten plötzlich gespielt munter ins Wort. „Hier ist noch einer.“

Tom konnte förmlich spüren, wie sich der bohrende Blick des Alten von ihm löste und zu Alex hinüberwanderte.

Sein Ziehbruder zog einen zerknüllten Fünfzigeuroschein aus der Tasche und hielt ihn sich vor das Gesicht. Der Alte kniff die Augen zusammen und machte keine Anstalten, das Geld zu nehmen. Während Tom die Angst in seinem Innern spürte, hielt Alex dem misstrauischen Blick stand. Schließlich nahm der Alte den Geldschein, strich ihn beinahe liebevoll glatt und legte ihn dann auf den Stapel zu dem restlichen Geld.

„Fünfhundertfünfzig“, gluckste er sichtlich zufrieden. „Gute Arbeit, Jungs. Mutter hat lecker gekocht, esst was, ihr habt einen Teller verdient.“

Anders als Benny, schoss es Tom durch den Kopf, aber er sagte nichts, sondern nickte nur und tappte hinter Alex zum Herd. Dort standen zwei riesige Töpfe, einer mit Kartoffeln und einer mit Spinat. Die Pfanne daneben, in der noch das Fett stand, war leer; nur noch einige Reste zeugten von Spiegeleiern und Speck, die in ihr gebrutzelt hatten. Vermutlich hatte der Alte das allein gegessen.

Alex nahm sich einen Teller aus dem Schrank und reichte Tom auch einen. Sie luden sich Kartoffeln und Spinat auf, dann schnappte sich jeder eine Gabel, und sie setzten sich an den Küchentisch.

Als der Alte aufstand und die Beute des Tages einsteckte, spürte Tom Erleichterung in sich aufsteigen. Das Eis in seinem Magen schmolz und machte einem gewaltigen Hunger Platz.

Er hielt den Kopf gesenkt und aß, beobachtete aber, wie der Alte beschwingten Schrittes aus der Küche ging, den kurzen Flur durchquerte und mit seinem Schlüssel die massive Tür zu seinen Zimmern aufschloss. Es war die einzige Tür im Haus, an der es ein richtiges Schloss gab, und die beiden Räume dahinter waren für den Rest der Bewohner absolut tabu. Nur sehr selten wurde jemand dorthin gerufen, und der Grund war immer besonders unerfreulich.

Für Tom wirkten die beiden Zimmer wie der Vorhof zur Hölle und ihr Bewohner wie ein Teufel. Er erhaschte einen Blick auf die dunklen Holzschränke, dann verschwand der Alte in seinem Refugium und schloss die Tür.

„Das war ja easy“, stellte Alex kauend fest und grinste breit.

„Sei ruhig, Mann“, zischte Tom leise, den Kopf immer noch gesenkt. Obwohl jetzt die dicke Tür und der Flur zwischen ihnen lagen, befürchtete er noch immer, dass der Alte sie hören konnte.

„Schon gut“, erwiderte Alex, jetzt aber deutlich leiser. „Er hat’s geschluckt.“

Tom nickte nur und schlang sein Essen hinunter. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich aus der Küche verschwinden und nach oben in ihr Zimmer gehen. Nicht, dass der Alte nicht auch dort plötzlich auftauchen konnte, wie ein hageres Gespenst in der Dunkelheit, aber das Erdgeschoss war sein Reich, und der erste Stock bot zumindest eine gewisse Sicherheit, die Tom hier unten niemals empfand.

„Ich bin heute mit Spülen dran“, erklärte Alex, als Tom den Teller von sich schob und aufstand. Der Ältere begann, das Geschirr vom Tisch zu räumen und es achtlos neben der Spüle zu stapeln.

„Soll ich dir helfen?“, fragte Tom ohne große Begeisterung.

„Ach was. Sieh zu, dass du ins Bett kommst.“

Da ihm der ganze blöde Tag noch in den Knochen steckte, nickte Tom nur und ging durch den Flur, öffnete die Wohnungstür so leise wie möglich und humpelte die Treppe hinauf. Eigentlich war das unnötig – der Alte wusste ja bereits, dass sie zuhause waren, aber Tom wollte nicht, dass er seine Schritte hörte und merkte, dass er nicht richtig auftreten konnte. Das würde bloß zu neuen Fragen führen, und Fragen waren nie gut.

Im ersten Stock waren alle vier Türen, die vom Flur abgingen, geschlossen, aber unter zweien davon drang noch Licht hindurch. Im Zimmer der Mädchen war es dunkel. Vor ihrer Tür lag ein Paar kleiner, schlammbedeckter Turnschuhe auf altem Zeitungspapier. Tom musste bei dem Anblick grinsen. Offenbar hatte das schlechte Wetter Karo nicht vom Kicken abgehalten. Er hoffte, dass die Kleine schon zuhause war und nicht noch draußen unterwegs.

Tom schlich zur letzten Tür am Ende des Flurs, schlüpfte hinein und schloss sie lautlos. Er ging im Dunkeln zu seinem Bett, fand den vertrauten Weg, auch ohne ihn sehen zu müssen, und ließ sich mit einem Seufzen auf die Matratze fallen.

Nun endlich hätte er sich sicher fühlen sollen, aber stattdessen spürte er, wie sich ihm die Kehle wieder zuschnürte. Seine Fäuste ballten sich unbewusst, als vor seinem inneren Auge die Erlebnisse des Tages in abgerissenen Bildsequenzen und verstörenden Bilderfetzen auftauchten. Er versuchte, sich zu beruhigen, tief zu atmen, aber die Erinnerungen ließen ihn keine Ruhe finden. Ihm war, als könne er noch immer die schwarzen Augen des Raben sehen, der ihn in der Stadt begleitet hatte. Morgen, beschloss er. Morgen schaue ich mal, ob ich irgendetwas über meine Eltern herausfinden kann. Was immer der Alte auch schon über sie behauptet hatte, Tom hatte ernste Zweifel daran, dass sie schlimmer als der Alte selbst sein konnten.

Als er schwere Schritte auf dem Flur hörte, rieb er sich die Augen. Dann kam Alex auch schon ins Zimmer und schaltete das Licht ein.

„Mit Schuhen auf dem Bett … Sei froh, dass der Alte das nicht sieht.“ Alex grinste und ließ sich auf sein eigenes Bett fallen, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Das Gestell ächzte bedrohlich unter seinem Gewicht. Als die beiden Ältesten teilten sie sich schon seit Monaten dieses Zimmer miteinander, während die Jüngeren jeweils zu dritt waren. Es war ein Privileg – zumindest hatte der Alte es zu einem erklärt.

Obwohl Tom es durchaus zu schätzen wusste, dass sie nun mehr Platz hatten und auch mal für sich sein konnten, gefiel es ihm nicht, den anderen vorgezogen zu werden. Der Alte machte das gern, lobte hier, tadelte dort, verteilte Belohnungen und Schläge und sorgte dafür, dass niemand sich sicher fühlen konnte. Das führte zu Eifersucht und Misstrauen untereinander. Es war noch keine drei Monate her, dass jemand dem Alten verraten hatte, dass Alex ihn ein Arschloch genannt hatte, und die darauf folgende Tracht Prügel war so schlimm gewesen, dass Tom gedacht hatte, der Alte würde Alex umbringen.

Nein, außer Karo und Alex vertraute Tom niemandem im Haus.

Beide Jungs blieben schweigend liegen. Tom kramte sein Handy aus der Tasche und surfte ein wenig herum, bevor er schließlich zu zocken begann. Das Spiel war simpel und wenig fordernd, genau, was er jetzt brauchte, um sich abzulenken. Sich ganz darin zu verlieren.

Alex setzte sich seine Kopfhörer auf, und schon bald hörte Tom aus seiner Richtung nur noch das dumpfe Wummern der Bässe.

Tom war so vertieft in sein Spiel, dass er den Alten erst bemerkte, als der zur Tür hinein sah.

„So, Licht aus, jetzt.“

Beide Jungen murmelten ein „Gute Nacht“, aber die Tür schloss sich bereits wieder.

Tom schlüpfte aus seinen Klamotten und in ein verblichenes Bandshirt, das er vom Fußende seines Bettes hervorkramte, aber Alex machte keine Anstalten, sich umzuziehen. Als er Toms fragenden Blick bemerkte, setzte er die Kopfhörer ab und drehte die Musik leise.

„Ich hau’ gleich noch mal ab. Treff’ mich mit Enno.“

„OK. Aber sei vorsichtig.“

„Klar, Mama“, erwiderte Alex kopfschüttelnd. Dann zwinkerte er ihm zu, stahl sich zur Tür, öffnete sie behutsam einen Spalt breit und zeigte Tom dann den erhobenen Daumen, bevor er verschwand.

In letzter Zeit ging Alex oft noch raus, nachdem alle anderen zu Bett geschickt worden waren. Tom kannte Enno und seine Freunde nur von einigen kurzen Treffen, aber er wusste, dass das ein ziemlich harter Club war. Alex verdiente sich mit ihnen gemeinsam Geld dazu, und Tom wollte gar nicht so genau wissen, womit er das tat.

Er zog seinen Knöchel unter der Bettdecke hervor und tastete an der Schwellung herum. Der Fuß sah aus, als ob ihm jemand einen Tennisball unter die Haut gesteckt hätte. Es tat weh, aber schließlich konnte er den Fuß noch bewegen, also würde es wohl so schlimm nicht sein. Hastig machte Tom das Licht aus und schlüpfte zurück unter die Bettdecke. Dann griff er wieder nach dem Handy und spielte weiter. Er wollte erst richtig müde sein, bevor er versuchte zu schlafen. Obwohl er so wenig wie möglich über diesen Tag nachdenken wollte, spürte er in sich eine Unruhe, die ihn nicht losließ und sogar dafür sorgte, dass er beim Spielen immer wieder verlor.

Es war kurz vor elf, als ihn ein leises Geräusch aus seinen Gedanken riss. Es klang wie ein Kratzen, und es kam aus der Richtung des Fensters. Überrascht legte Tom das Handy zur Seite und lauschte. Da war es wieder, kaum zu hören, als führe ein Ast über die Scheibe. Mit einem Mal fühlte sich Tom unwohl, so allein im dunklen Zimmer. Er wollte sich selbst auslachen, aber als das Geräusch erneut ertönte, zuckte er zusammen.

„Hallo?“

Seine eigene Stimme klang seltsam, leise und unsicher. Alex hätte sich sicherlich über ihn lustig gemacht, wenn er ihn gehört hätte. Mit diesem Gedanken schlug Tom die Decke zurück und stand langsam auf. Vielleicht ist er es ja, weil er unten nicht reinkommt. Es wäre nicht das erste Mal, dass einer von ihnen auf den baufälligen kleinen Schuppen hinterm Haus und dann durch das Fenster kletterte.

Auf nackten Fußsohlen schlich Tom zum Fenster und spähte hinaus. Der verwilderte Garten lag dunkel unter ihm. Niemand war zu sehen, und zwischen den hohen Büschen stand dichter Nebel. So sehr sich Tom auch anstrengte, er konnte nichts und niemanden entdecken. Trotzdem, oder auch genau deswegen, spürte er ein seltsames Kribbeln zwischen den Schulterblättern, als er ins Bett zurückkroch und nach seinem Handy griff. Er wusste nicht, was er tun sollte. Die anderen oder gar den Alten zu wecken kam nicht in Frage.

Ein paar Klicks, und er war im Netz. Vielleicht war ja noch jemand, den er kannte, bei Facebook oder Twitter online? Soll ich das Fenster für Alex aufmachen? Mal rausklettern und sehen, ob er da ist?

Es dauerte nicht lange, bis ihm Amy und Sarah rieten, einfach für den Fall, dass Alex irgendwelche Probleme hatte, selbst nachzuschauen. Obwohl die beiden nur virtuell bei ihm waren, fühlte sich Tom durch ihre Antworten gleich besser.

Entschlossen stand er auf, schlüpfte in seine Jeans und die Sneaker, nahm sein Handy und ging zum Fenster. Er warf noch einen Blick hinaus, dann öffnete er das Fenster und stieg leise auf die Fensterbank. Er hielt sich an der Kante fest und ließ sich langsam auf das Dach des Schuppens hinab. Dort hielt er kurz inne und lauschte. Noch immer war nichts zu hören. Er machte sein Handy wieder an, drehte die Helligkeit des Displays ganz hoch und hielt es wie eine Taschenlampe vor sich.

„Hallo?“, fragte er noch einmal, halb flüsternd. Er wollte auf keinen Fall den Alten auf sich aufmerksam machen, aber wenn Alex unten im Garten war, dann sollte der ihn schließlich hören. Vielleicht wollte Alex ihm auch nur einen Streich spielen, vermutlich mit Enno zusammen. Falls ich bloß deswegen nachts hier draußen rumturne, kriegen wir echt Ärger miteinander, Alex.

„Tom“, erklang eine leise Stimme aus der Tiefe des Gartens, irgendwo zwischen den beiden alten Bäumen. Die Stimme klang tief und hohl, ganz anders als die von Alex, und Tom lief ein Schauder über den Rücken.

„Das ist nicht witzig“, zischte er zurück. Wut flammte in ihm auf. Von denen würde er sich keine Angst einjagen lassen!

Ohne zu zögern, kletterte er vom Schuppen herunter und leuchtete mit dem Handy vor sich her, während er über das kurze Stück hohen, ungepflegten Rasens lief, das die Büsche vom Haus trennte.

Die Schmerzen in seinem Knöchel meldeten sich pochend zurück, und er fragte sich plötzlich, was er überhaupt hier draußen machte.

„Alex, komm jetzt raus!“

„Tom“, sagte die scheinbar körperlose Stimme wieder, ein dunkler Laut aus den Nebelschwaden. Tom leuchtete in die Richtung und duckte sich in die Büsche. Er sah sich suchend um, wollte die Spaßvögel finden, die vermutlich irgendwo hinter einem Strauch hockten und sich auf seine Kosten halb tot lachten.

Der Lichtschein des Handys erfasste etwas, was wie eine große, hagere Gestalt wirkte. Er erschrak, wich einen Schritt zurück, aber dann teilte sich der Nebel auf einmal, und dort war nichts. Schon wollte Tom sich umdrehen und wieder ins Haus verschwinden, als er etwas im Licht seines Handys funkeln sah. Instinktiv ging er zwei Schritte vor und bückte sich nach dem Glitzern. Was auf den ersten Blick wie eine Euromünze ausgesehen hatte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein ganz ähnliches rundes Stück Metall von silbrig glänzender Farbe.

Tom hob es auf. Das Metallstück war überraschend schwer. Auf der einen Seite war ein Tierkopf im Profil abgebildet, der vage an einen Löwen erinnerte. Auf der anderen waren zwei tiefe, eckige Eindrücke. Verwundert starrte Tom seinen Fund an und drehte ihn zwischen den Fingern hin und her.

Dann wurde er von einem Schlag auf den Hinterkopf unsanft aus seiner Betrachtung gerissen.

„Was denkst du, was du hier machst?“ Die Stimme des Alten überschlug sich fast. „Dich wegschleichen, was?“

„Nein, ich …“, wollte Tom protestieren, aber der Alte ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Du kleiner Bastard, dir werde ich beibringen, nachts einfach abzuhauen.“

Der Alte packte Toms Handgelenk und riss ihm das Handy aus den Fingern. Er war erstaunlich stark und schnell dafür, dass er immer so kränklich und schwach wirkte, aber das wusste Tom bereits aus leidvoller Erfahrung. Bevor er seinen Fund verbergen konnte, hatte der Alte auch seine andere Hand ergriffen und zwang ihn, die Finger zu öffnen.

„Ah, das wolltest du verstecken!“, rief er triumphierend. „Ich hab’s heute doch gemerkt, dass du mir was nicht gesagt hast. Du wolltest mich bestehlen.“

„Nein, das lag da vorn, wirklich.“

„Sicher, so was liegt bei uns im Garten.“ Der Alte schielte erst auf die Münze und packte Tom dann im Nacken und zog ihn unsanft zu sich heran. „Einfach so im Garten, ja?“

„Ja“, knurrte Tom. Der Griff wurde noch fester. Die langen Finger schlossen sich schmerzhaft um seinen Hals und drückten seinen Kopf herunter.

„Lüg mich nicht an, du verdammte Missgeburt.“ Der Alte schob Tom vor sich her in Richtung Haus. „Ich kenne die Wahrheit.“

Tom wollte widersprechen, sich rechtfertigen, aber er ahnte, dass er damit alles nur noch schlimmer machen würde. Also schwiegen beide, bis sie die Terrassentür erreichten. Letztere stand weit auf, und der Alte schob Tom ins Haus. „Ab nach oben und ins Bett. Wehe, ich sehe Licht bei euch“, fauchte er, dann hielt er das Handy hoch. „Das hier behalte ich vorläufig, Freundchen. Und wenn ich dich noch einmal so spät im Garten erwische …“

Er musste seine Drohung nicht vervollständigen. Tom wusste genau, was ihm dann blühte. Ohne ein weiteres Wort schlich er sich davon, die Treppe hinauf, und warf sich auf sein Bett. Das Fenster stand noch auf, und die Nachtluft wehte kalt herein. Doch es war die Kälte in ihm selbst, die ihn erzittern ließ.


Fortsetzung in Kapitel 4: Zeltlager

 
 

Kapitel 4: Unter freiem Himmel


„Und du denkst echt, dass ein Rabe mit dir gesprochen hat?“

Tom wusste auf die Frage erst einmal nichts zu sagen. Er saß im Zimmer der Mädchen unten auf einem der Doppelstockbetten, die Beine unter sich angezogen, und zuckte mit den Schultern. Karo lag ihm gegenüber auf ihrem Bett und starrte ihn mit großen Augen an. Als die Stille ihm unangenehm wurde, murmelte er: „Keine Ahnung.“

Das war eigentlich keine Antwort, aber die einzige, die er hatte. Er wusste, dass es verrückt klang, wenn man von sprechenden Raben erzählte. Andererseits hatten ihm einige seiner Freunde fraglos geglaubt und ihm Mut gemacht, mehr über das sprechende Vieh herauszufinden.

Karo setzte sich auf. Sie war nicht groß für ihre zwölf Jahre, und ihre oft ernste Miene ließ sie meist auch noch älter wirken. Sie hatte ihr dunkelblondes Haar mal wieder kürzer schneiden lassen und trug es zu einem kleinen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Sie stützte das Kinn in die Hand und schien zu grübeln.

„Vielleicht ist es wie bei einem Papagei. Die können doch auch alles nachplappern, was man ihnen beibringt, oder?“

„Vielleicht“, erwiderte Tom unsicher. „Aber wer würde denn einem Raben beibringen, meinen Namen zu sagen?“

Jetzt, einige Tage später, erschien ihm die Geschichte immer unwirklicher. Er hatte sich im Netz über Raben schlau gemacht, hatte von Freunden online Hinweise auf die klugen Vögel in alten Mythen erhalten und wusste inzwischen, dass es für sie durchaus typisch war, Nüsse auf eine clevere Art und Weise zu knacken. Irgendwie klang es plausibel, dass es, wenn es überhaupt so etwas wie sprechende Vögel gab, Raben sein mussten. Andererseits waren es immer noch Vögel. Und nicht einmal Schimpansen konnten sprechen, dabei waren das laut Biounterricht die klügsten Viecher überhaupt. Vielleicht habe ich mir wirklich nur eingebildet, dass der Rabe mit mir gesprochen hat.

Karo stand auf und zog einen abgewetzten Rucksack unter ihrem Bett hervor, den sie mit beiden Händen vom Staub befreite. In ihrem weiten T-Shirt wirkte sie noch schmaler als gewöhnlich, aber Tom wusste, dass der zerbrechliche Eindruck täuschte. Wenn sie gemeinsam kickten, war sie ein wieselflinker Gegner, obwohl Tom deutlich größer und stärker war. Und er hatte einmal eine Prügelei zwischen ihr und einem älteren Jungen auf dem Schulhof beendet, bei der ihr Gegner gar nicht gut ausgesehen hatte.

Während Karo begann, den Rucksack mit Kleidung aus dem klapprigen Gemeinschaftsschrank der Mädchen zu füllen, rieb Tom über seine Hosentasche, in der er das in Küchenpapier eingeschlagene Stück Brot spürte, das er seit gestern mit sich herumtrug. Er war sich nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, Futter für den Raben einzustecken, aber sein Kumpel Marco hatte ihm dazu geraten, und zumindest die unheimliche Nacht im Garten hatte Tom sich nicht eingebildet, so viel stand fest. Sein Handy hatte er zwar inzwischen wiederbekommen, aber die Münze hatte der Alte behalten.

Seitdem war jedoch alles in den gewohnten Bahnen verlaufen. Er war ein paar Mal in die Schule gegangen, hatte ansonsten für den Alten gearbeitet und mit Alex abgehangen, der seit der Nacht, in der er mit Enno unterwegs gewesen war, beunruhigend viel Kohle mit sich herumtrug und sich ziemlich spendabel gezeigt hatte.

Es juckte Tom noch immer in den Fingern, sich in einem unbeobachteten Moment in die Zimmer des Alten zu schleichen, um die Münze zu suchen, die er gefunden hatte, schon allein, um sich davon zu überzeugen, dass es sie wirklich gab, aber bislang hatte er sich nicht dazu aufraffen können. Er hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was mit ihm passieren würde, wenn er erwischt wurde, und das war ziemlich abschreckend.

„Vielleicht gibt‘s ja Raben am See?“

Karos Frage riss Tom aus seinen Gedanken, und er lächelte.

„Kann gut sein.“

„Soll es eigentlich warm werden?“

Tom nickte. Der Wetterbericht auf iGoogle zeigte dreimal hintereinander strahlenden Sonnenschein. Da der Ausflug vom Jugendamt organisiert worden war, hatte der Alte nichts dagegen sagen können, auch wenn ihm das Missfallen ins Gesicht geschrieben stand, wann immer es darum ging. Eigentlich war es sein Plan gewesen, die Feiertagslaune der meist ziemlich unbedarften Berlintouristen auszunutzen und die Jungs den KuDamm und die Oranienburger Straße abgrasen zu lassen, aber daraus würde nun nichts werden, da ein Großteil der Kids nicht zuhause sein würde.

Es war kein richtiger Urlaub, nur eine Fahrt an einen See in der Uckermark, Zelten auf einem Campingplatz, aber für Karo war es das erste Mal, dass sie von hier wegkam, seit der Alte sie aus dem Heim geholt hatte, und ihre Freude wirkte ansteckend. Nicht, dass Tom der Gedanke, ein paar Tage lang von allem wegzukommen, nicht auch gefallen hätte. Es war gut und nach dem Stress eine willkommene Abwechslung.

Während Karo weiter packte, hing Tom seinen Gedanken nach. Seine Tasche war bereits fertig, und er blieb im Mädchenzimmer, um dem Alten nicht zu begegnen. Bei dessen derzeitiger Laune war es besser, ihm aus dem Weg zu gehen.

Im Geist bastelte Tom an einem Plan, wie er in das Zimmer des Alten schleichen konnte, um nach der Münze zu suchen. Er musste sie gar nicht unbedingt klauen; vielleicht reichte es schon, ein Foto zu machen, damit er mehr darüber herausfinden konnte. Wer auch immer die Gestalt im Garten gewesen war, sie hatte seinen Namen gerufen, dessen war Tom sich sicher, auch wenn er außer Karo noch niemandem davon erzählt hatte. Sein Freund Gregor hatte vorgeschlagen, eine Ablenkung zu inszenieren, um den Alten aus seinem Bau zu locken, und Tom fand die Idee gut, hatte aber auch das Gefühl, dass er noch an den Details feilen musste.

Als es vor dem Haus hupte, schreckte Tom vom Bett auf und stieß sich den Kopf am Lattenrost über ihm. „Verdammter Mist“, fluchte er und rieb sich die schmerzende Stelle.

Karo sah sich panisch um. „Ich bin noch nicht fertig. Ich brauche noch … Mist!“

„Keine Hektik“, versuchte Tom sie zu beruhigen. „Wir fahren schon nicht ohne dich.“

Ohne auf ihr Seufzen einzugehen, stand er auf. Hinter sich hörte er, wie sie Schubladen aufriss und Schranktüren zuschlug, aber er war schon durch die Tür. Im Flur stand Alex, seinen Seesack auf der einen Schulter, Benjamins Sporttasche in der anderen Hand. Er grinste von einem Ohr zum anderen.

„Du hast ja gute Laune. Doch noch Lust bekommen?“

Alex war ziemlich genervt gewesen, als er von dem Ausflug erfahren hatte, weil er eigentlich Pläne mit Enno gemacht hatte.

„Hauptsache weg“, fasste der Ältere zusammen, was sie wahrscheinlich alle dachten. „Wir treffen uns unten.“

Tom nickte und lief in ihr Zimmer, zog sich seine Kapuzenjacke über und nahm seine eigene Tasche. Er sah sich noch einmal um, ob er auch nichts Wichtiges vergessen hatte, und stellte dabei fest, dass er nichts hier vermissen würde. Ich hab alles dabei, was ich brauche. Alex und Karo, mein Handy, meine Musik. Klingt doch richtig gut.

„Sag Bescheid, dass ich gleich da bin“, rief ihm Karo hinterher, als er die Treppe hinunterpolterte. Unten im Hausflur schien das grelle Sonnenlicht durch die geöffnete Haustür, und Tom wollte schon hinausrennen, als die Wohnungstür aufging und der Alte aus den Schatten trat. Eine kalte Hand packte Tom an der Schulter und hielt ihn fest.

„Keine Dummheiten“, zischte sein Pflegevater Tom ins Ohr. „Du bist der Cleverste von euch, und du wirst dafür sorgen, dass keiner von euch irgendwelchen Blödsinn macht oder irgendwelchen Blödsinn erzählt, klar?“

Tom nickte stumm, und der schmerzhafte Griff löste sich. Er stand einige Sekunden unsicher zwischen dem Licht des Tages und dem Schatten des Hauses, dann schob der Alte ihn vor sich her hinaus.

„Hallo Frau Andresco-Müller!“ Mit einem Mal klang die Stimme des Alten nicht nur freundlich, sondern geradezu warm. „Schön, dass Sie da sind.“

Die Angesprochene stand neben einem blauen Minibus und hob lächelnd die Hand zur Begrüßung. Sie trug eine dunkle Jeans und eine helle Bluse. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem glatten Pferdeschwanz zusammengefasst.

„Guten Tag, Herr Schadowitz. Hallo Tom.“ Sie deutete auf die offene Heckklappe: „Pack deine Sachen einfach hinten rein, OK?“

Tom winkte ihr zu, ohne sie anzusehen, und kam ihrer Aufforderung nach, während sie sich mit dem Alten unterhielt. Über die Schulter rief er: „Karo kommt sofort“, dann kletterte er in den Wagen.

Er konnte nicht viel von der Unterhaltung verstehen, aber die Fähigkeit des Alten, sich zu verstellen, wenn offizieller Besuch da war, grenzte ans Unheimliche.

Alex hatte es sich mit Benjamin auf der Rückbank bequem gemacht, und Tom setzte sich in die Reihe vor ihnen.

Es dauerte nicht lange, bis auch Karoline hektisch und mit einem Rucksack, aus dem noch der Ärmel eines Pullovers hing, aus der Tür gestürzt kam. Sie hielt inne, als sie den Alten sah, und ihr Überschwang schwand schlagartig. Sie senkte den Kopf und zog die Schultern fast bis zu den Ohren hoch, als sie an den beiden Erwachsenen vorbeiging. Das muss man doch sehen, dachte Tom, aber Frau Andresco-Müller lachte nur und strich Karo über die Haare – was diese hasste.

Der Alte lächelte beinahe warmherzig, während er sich verabschiedete. Er ging die Stufen zur Haustür hinauf. Die Jugendamtsmitarbeiterin half Karo, ihren Rucksack in den Wagen zu hieven. Aber Tom hatte nur Augen für seinen Pflegevater, der ihm einen letzten, finsteren Blick zuwarf, ehe er die Tür schloss. Dann war der Moment vorbei, Karo stieg zu Tom, und Frau Andresco-Müller setzte sich hinter das Steuer. Der Minibus fuhr los, und das Haus verschwand aus der Sicht. Die Sonne schien heller, und der Tag war freundlicher, als er es noch vor einem Herzschlag gewesen war.

„Freut ihr vier euch denn?“, erkundigte sich die Fahrerin. Tom kannte die Mitarbeiterin des Jugendamtes von gelegentlichen früheren Besuchen. Sie war immer freundlich und nett, was man nicht gerade von allen Leuten dort sagen konnte. Der Ausflug war ihre Idee gewesen, und sie hatte ihn gegen die vorsichtigen Proteste des Alten durchgesetzt.

„Klar“, erwiderte Alex für sie alle. „Mal rauskommen und so.“

Tom warf ihm einen warnenden Blick zu, aber der Ältere brauchte keine Erinnerung daran, was passieren würde, wenn sie zu viel erzählten.

„Gut. Ein, zwei Stunden Fahrt, und wir sind da. Es wird euch gefallen: es ist ein richtiges Zeltlager, und ihr seid natürlich nicht die einzigen Gäste. Der See ist toll, aber ich weiß nicht, ob es schon warm genug zum Baden ist.“

„Testen wir aus“, murmelte Tom, bevor ihm einfiel, dass er seine Badehose nicht eingepackt hatte. Verdammt.

Die weitere Fahrt verlief ruhig. Keiner redete viel, auch wenn Frau Andresco-Müller immer mal wieder versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Aber die meist einsilbigen Antworten darauf ließen auch sie irgendwann verstummen.

Es war schon Nachmittag, als sie ihr Ziel erreichten. Das letzte Stück Weg fuhren sie über einen holprigen Waldweg, im Schatten großer Laubbäume. Dann öffnete sich der Wald vor ihnen, und auf dem blauen Wasser eines Sees funkelte die Sonne. Am Rand des Sees befand sich eine freie Fläche, auf der zwei größere, dunkle Holzhütten standen, die von einer ganzen Reihe von bunten Zelten umgeben waren.

„Das da ist das Haupthaus, da gibt es eine Küche und einen Essensraum“, erklärte Frau Andresco-Müller, während sie sich der Anlage langsam näherten. „Und das da sind die Sanitäranlagen. Duschen und Toiletten. Keine Sorge, es gibt fließendes und auch warmes Wasser.“

Sie lachte, als sie in den Rückspiegel sah und die erstaunten Gesichter hinter sich bemerkte. „So schlimm?“

„Nein“, entgegnete Karo leise. „Is doch super.“

Der Minibus hielt direkt neben dem Hauptgebäude, und alle sprangen hinaus. Der größte Teil des Geländes war Wiese, aber um die beiden Hütten herum lag Schotter, der unter Toms Sneakern knirschte. Sie luden ihr Gepäck aus, und ein stämmiger, gebräunter Mann gesellte sich zu ihnen, der ihnen nacheinander die Hand gab und sich als „Bernd“ vorstellte.

Bernd hatte hier offensichtlich das Kommando. „Ihr müsst beim Kochen mithelfen, spülen, putzen“, brummte er mit einem Zwinkern. „Wir haben einen Plan für alles, da trage ich euch nachher ein. Jetzt zeige ich euch erstmal, wo ihr schlafen werdet.“

Selbst Alex verkniff sich einen Spruch und nickte nur. Als sich Frau Andresco-Müller verabschiedete und zum Wagen ging, lief Tom ihr hinterher.

„Entschuldigung, kann ich Sie noch etwas fragen?“

Sie blieb stehen und schaute ihn mit hochgezogenen Brauen an, während sie mit ihrer Sonnenbrille spielte. Vermutlich hatte sie es eilig nach Hause und in die Ferien zu kommen.

„Sicher, Tom, was gibt es?“

„Ich … also, wenn ich wissen wollte, wer meine Eltern sind … wie, ich meine, wen …“

Er verhaspelte sich und verstummte, spürte die vertraute Hitze in seinem Gesicht und ahnte, dass er rot wurde.

Die Jugendamtsmitarbeiterin legte die Stirn in Falten und schüttelte leicht den Kopf. „Ich glaube, du bist noch zu jung, um eine Abstammungsurkunde zu beantragen. Und ich bin da leider auch nicht zuständig“, erklärte sie, und Tom glaubte ihr nicht nur, sondern spürte auch, dass sie es aufrichtig bedauerte, ihm nicht helfen zu können.

„Verstehe“, wollte er sagen, aber der plötzliche Kloß in seinem Hals ließ daraus ein Flüstern werden. „Trotzdem danke“, murmelte er mit gesenktem Blick, während er sich abwandte.

War doch irgendwie klar, oder?

„Tom, warte.“ Er drehte sich wieder zu ihr herum. Ihre Miene war ernst. „Ich bin zwar nicht die richtige Ansprechpartnerin, aber wir kennen uns ja alle untereinander. Ich kann mal sehen, ob ich was für dich tun kann.“

„Danke! Vielen Dank!“

„Keine Versprechungen“, erwiderte sie hastig. „Ich weiß ja nicht, wie bei dir die Aktenlage ist – vielleicht hat das Jugendamt gar nicht viel über deine Eltern. Aber ich schau mal, ob und was ich herausfinden kann.“

„Verstehe“, sagte Tom hastig. Sie schob sich die Sonnenbrille ins Haar, stieg in den Wagen, winkte noch einmal und fuhr dann weg.

Tom sah dem Minibus nach, bis er zwischen den Bäumen verschwand, dann blickte er sich um. Der See funkelte friedlich im Sonnenlicht, der blaue Himmel war makellos, und für einen Moment schien ein ganz besonderer Zauber in der Luft zu liegen.

Den Alex mit seinem Ruf „Komm schon, du Schnarchnase“ zerstörte.


 

Nach dem Abendessen, das aus Spaghetti mit Soße bestanden hatte, gingen die vier an das Ufer des Sees. Es war kurz vor Sonnenuntergang. Die anderen Jugendlichen im Lager hielten sich von ihnen fern, und Tom ahnte, woran das lag: Sie hatten nicht gerade den besten Ruf. Vermutlich hatten die Eltern den anderen nachdrückliche Warnungen mit auf den Weg gegeben, was die hygienischen Vorstellungen und die notorischen Langfinger der Pflegekids anging. Er kannte das aus seiner Schule.

Karo und Benny ließen Steine über die flache Oberfläche springen und stritten sich mit Hingabe darüber, wessen Stein öfter aufgetitscht war.

„Eine Woche hier im Nichts“, murmelte Alex. „Das wird ganz schön langweilig werden.“

„Ich weiß nicht“, antwortete Tom. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss die Wärme der letzten Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. „Ist vielleicht mal ganz nett.“

Alex brummte unentschlossen.

„Da hinten sind wir an ’nem Dorf vorbeigekommen. Wollen wir nachher mal schauen, was da geht?“

„Wann nachher?“

Tom öffnete ein Auge und blickte zu Alex hinüber, der mit den Schultern zuckte.

„Na, wenn die Kleinen pennen.“

„Alter, mach dich mal locker. Wir haben hier nix zu tun, keinen Stress, alles ist easy.“

„Ich gehe auf jeden Fall.“ Alex’ Stimme war dunkel geworden. „Kommst du mit?“

Tom schwieg einige Momente lang und sah den beiden Jüngeren zu, die einen Stein nach dem anderen warfen und dabei eher harmlose Beleidigungen austauschten.

„Ich bleib hier“, entschied er. „Karo ist zum ersten Mal von zu Hause weg. Ich will nicht, dass sie Angst bekommt.“

„Angst? Karo?“ Alex lachte leise. „In einer Woche hat die halbe Bande hier Angst vor ihr.“

Er sah das Ufer entlang zu der Stelle, wo der Wald bis an den See reichte. Eine Gruppe älterer Jugendlicher stand dort zusammen. Einige rauchten, und Tom sah, dass sie Alex’ Blick bemerkten.

„Wenn du so ’n Langweiler bist, checke ich mal, was die da so machen.“

Ohne auf Toms Protest zu hören, stand Alex auf und schlenderte den See entlang. Tom kannte den Gang; Alex bewegte sich, wie er es in ihrem Kiez tun würde, selbstsicher, locker, wie jemand, der es drauf hatte eben. Die Gruppe sah nun geschlossen zu ihm hinüber, aber Alex schien die Aufmerksamkeit nichts auszumachen. Er gesellte sich zu ihnen, und sofort bildete sich in ihrem Kreis eine Lücke, die ihn aufnahm. Er sagte etwas, alle lachten, dann reichte ihm jemand eine Zigarette.

Offenbar war das der Teil der Zeltenden, die Muttis Warnungen nicht allzu ernst nahmen.

„Tom, das Wasser ist voll kalt!“, rief Karo, die ihre Hose bis zu den Knien hochgekrempelt hatte und im See stand. Das Wasser spielte um ihre dünnen Beine, und sie winkte ihm mit einen breiten Lächeln zu. „Komm her.“

Er stand auf, klopfte sich das Gras von der Cargohose und setzte sich seufzend in Bewegung.


* * *


Es war spät am Abend, als sich Alex still davonmachte. Er hatte nicht viel von seinen neuen Bekannten erzählt, wohl aber durchblicken lassen, dass er nun doch nicht allein unterwegs sein würde. Benny schlief schon, in seinen Schlafsack eingewickelt und von dem aufregenden Tag erschöpft. Karo war in einem anderen Zelt mit einigen Mädchen untergebracht worden, während Tom und Alex in einem runden Zelt gemeinsam mit drei anderen schlafen sollten. Im Dunkeln sah Tom, wie sich Alex’ Schatten zwischen den Schlafenden bewegte, dann hörte er den Reißverschluss, und dann war da nur noch das leise Atmen der anderen. Er seufzte, als ihn unvermittelt Unruhe ergriff. Alex würde irgendwelche Abenteuer erleben, während Tom brav auf seiner Matte liegen blieb – wie alle Kinder hier. Obwohl er eigentlich keine Lust auf Ausflüge hatte, traf ihn dieser Gedanke irgendwie. Ist doch bestimmt ganz lustig da draußen. Und ohne mich macht Alex sowieso bloß irgendeinen Scheiß.

Schnell wand er sich aus dem Schlafsack, schlüpfte in seine Hose und die Sneaker, nahm noch einen Kapuzenpulli mit und schlich zum Zelteingang. Er streckte den Kopf hinaus, hielt kurz inne und lauschte, ob jemand auf sein Verschwinden aufmerksam wurde, aber als er nichts Auffälliges hörte, schlüpfte er hinaus. Alex hatte natürlich den Reißverschluss nicht wieder geschlossen, aber Tom holte das nach, bevor er geduckt zwischen den Zelten entlanglief, möglichst außer Sicht der Haupthütte, in der die Betreuer schliefen. An der Sanitärhütte brannte eine einsame Lampe, doch Tom brauchte sie nicht, denn der Mond am sternenklaren Himmel spendete genügend Licht.

Als er den Waldrand erreichte, sah er sich wieder um. Alex hatte gesagt, dass sie ins Dorf wollten, also mussten sie den Weg nehmen, der durch den Wald führte. Wenn er sich beeilte und ein Stück quer durch den Wald abkürzte, konnte er sie vielleicht noch einholen. Also rannte er los, musste aber nach wenigen Metern sein Tempo drosseln. Der Wald sah nicht besonders dicht aus, doch das Unterholz war in der Dunkelheit ein weitaus schwieriger zu überwindendes Hindernis, als er gedacht hatte. Zudem sorgten die hohen Bäume dafür, dass es im Wald richtig dunkel war, und schon bald tastete sich Tom eher von einem Stamm zum nächsten, als dass er lief. In Filmen geht das immer so einfach, nachts im Wald herumzulaufen. Verdammter Mist! In welcher Richtung lag noch mal der blöde Weg?

Sein Plan, die anderen einzuholen, wurde von den Schatten des Waldes verschlungen. Tom stolperte mit seinem verstauchten Fuß über eine Wurzel und prallte schmerzhaft gegen einen Baum, wollte sich festhalten, rutschte aber ab und fiel auf Boden. Ein Stein bohrte sich in seine Seite und ließ ihn fluchen.

„Scheiß Wald! So ein Dreck!“

Als er sich wieder aufrappelte, wurde ihm klar, dass es keinen Sinn hatte, weiterzugehen. In dem Tempo würde er niemanden einholen und sich höchstens das Genick brechen. Zudem kam mittlerweile Nebel auf, der es noch schwieriger machen würde, den Weg zu finden. Also kehrte er um und ging vorsichtig zurück in Richtung der Lampe, die er zwischen den Bäumen noch erkennen konnte.

Er hatte erst einige Schritte getan, als das Licht plötzlich flackerte und erlosch, vom Nebel verschluckt, der immer dichter und dichter wurde. Schwaden wallten um Tom herum, und mit einem Mal spürte er, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufstellten. Ein seltsames Gefühl überkam ihn. Er konnte etwas um sich herum spüren, als ob tief in seinem Inneren ein Sinn auf einen neuen Reiz reagieren würde. Das Gefühl war so stark, dass Tom innehielt und durchatmen musste. Eine Schwäche durchzog seinen ganzen Körper, von den Zehen bis zu seinem Skalp. Dann verging sie, ließ aber ein Kribbeln zurück, als ob tausende Ameisen unter seiner Haut und in seinem Leib wären.

Und dann hörte er die Stimme. Nein, er spürte sie vor allem und hörte sie doch.

„Tom!“


Fortsetzung in Kapitel 5: Haus der Gräber

 
 

Kapitel 5: Haus der Gräber


Erschrocken wirbelte Tom herum. Im Nebel zwischen den Bäumen glaubte er eine Gestalt zu sehen, war sich dessen aber nicht sicher. Bis die Stimme wieder sprach.

„Tom!“

„Hallo? Wer ... Wer bist du?“, brachte Tom gerade so heraus. Sein Herz raste, und er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er war allein in diesem Wald, die nächsten Menschen, die ihm helfen könnten, waren vermutlich weit weg, und mit einem Mal wurde ihm ganz mulmig zumute.

„Ich habe dir unsere Münze gegeben, Tom. Du brauchst noch die eure.“

Verwirrt starrte Tom in die Dunkelheit. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, aber es half nichts. Die Stimme kam ihm seltsam vor, jetzt, da er mehr als einen Satz gehört hatte. Sie klang tief und dunkel und so, als würde jemand in einer großen Halle sprechen, gefolgt von einer Art Echo.

Tom hatte das eigenartige Gefühl, sie mehr als nur zu hören. Als würde er die Worte verstehen, bevor seine Ohren sie überhaupt registrierten. Der Gedanke machte ihn schwindlig. Ich höre Stimmen in meinem Kopf. Aber der Sprecher war ja hier, direkt vor ihm, auch wenn Tom ihn kaum sehen konnte. Er atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Du schaffst das schon, versuchte er sich selbst zu überzeugen. „Du hast mir eine Münze gegeben? Das Silberding in unserem Garten?“ Innerlich verfluchte Tom sich für seine Wortwahl. Schließlich wollte er den Fremden nicht beleidigen, indem er dessen Geschenk herabwürdigte. Also redete er hastig weiter: „Wofür brauche ich die Münze?“

„Du musst bezahlen, Tom. Du musst bezahlen.“

Ein kalter Schauer lief Tom über den Rücken. Im ersten Moment klangen die Worte wie eine Drohung, aber dann wusste er instinktiv, dass es keine sein sollte. Etwas schwang in der Stimme mit, was er auf einer Ebene verstand, die jenseits von Sprache lag. Überraschenderweise erschien ihm dieses Gefühl irgendwie vertraut, so als spreche die Stimme eine Saite in ihm an, derer er sich vorher nicht bewusst gewesen, die aber schon immer da gewesen war.

„Was soll ich bezahlen? Wer bist du? Was willst du von mir?“

Tom trat vorsichtig einen Schritt vor, dann noch einen. Er nahm seine Umgebung jetzt mit geschärften Sinnen wahr. Spürte den weichen Waldboden unter seinen Füßen, die kühle Berührung des Nebels, sah die dunklen Schatten der Bäume.

Die Gestalt blieb jedoch im Nebel verborgen, auch als Tom näher kam. Es schien, als würde sie sich von ihm zurückziehen, obwohl sie sich nicht bewegte. Er kniff die Augen zusammen, um sie genauer zu betrachteten. Der Sprecher war groß, deutlich größer als er selbst, wenn auch recht hager. Er wirkte wie ein Schatten im Nebel. Tom konnte kaum die Konturen ausmachen.

„Du musst die Fahrt bezahlen, Tom. So ist es Brauch.“

Jetzt glaubte Tom hinter der Gestalt ein Licht zu sehen. Kaum wahrnehmbar, mehr ein Schimmern im Nebel. Je länger er in die Dunkelheit spähte, desto mehr glaubte er zu erkennen. Es war wie ein dünner, kaum greifbarer Kreis oder Strudel, der sich langsam hinter dem Fremden bewegte. Oder um den Fremden herum?

„Was für eine Fahrt soll das denn sein? Ich hatte eigentlich nicht vor, zu verreisen“, erwiderte Tom schnell, bevor ihm auffiel, dass er sich gerade bereits auf einer Reise befand. Er wollte sich schon verbessern, aber dann stellte er doch noch einmal die wichtigste Frage überhaupt: „Wer bist du?“

„Ich wurde geschickt, um dir den Weg zu zeigen, Tom. Wir brauchen dich. Und du brauchst die Münzen, hörst du? Such im Haus der Gräber nach der zweiten.“

Und dann, völlig unvermittelt und ehe Tom reagieren konnte, war die Gestalt verschwunden und das blasse Licht mit ihr.

Tom stand allein im Wald und stieß den Atem aus, von dem er kaum bemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte. Er kniff sich in die linke Hand; es tat weh, also träumte er nicht. Für einen Moment lehnte er sich an einen Baumstamm, verblüfft und komplett verwirrt. Wer sind diese Leute? Und wozu sollten sie mich brauchen?

Als er sich von dem Baum löste, wusste er, dass er vor den Antworten ebenso viel Angst hatte wie vor den Fragen.


Den Rückweg zum Zeltlager fand Tom überraschend einfach. Er hatte anscheinend kaum fünfzig Meter davon entfernt gestanden, auch wenn es ihm viel weiter vorgekommen war. Wie im Traum schlich er zwischen den Zelten hindurch, fand den Eingang zu seinem und kroch schließlich in seinen Schlafsack.

Jetzt war er froh, dass die anderen Jungs noch im Dorf waren und ihm niemand irgendwelche blöden Fragen stellte. Er fühlte sich unglaublich müde, aber immer, wenn er die Augen schloss, sah er die schattenhafte Gestalt vor sich und hörte die Stimme in seinem Kopf, so klar, als würde sie wieder sprechen. An Schlaf war einfach nicht zu denken, also kramte er sein Handy aus der Tasche und versuchte zu surfen. Allerdings zeigte das Display nur einen kleinen Strich anstatt der üblichen Verbindungsbalken – kein Empfang.

„Na toll“, murmelte Tom und seufzte. Er hatte etwas Unglaubliches erlebt und saß hier im Niemandsland fest. Alex war unterwegs, Karo und Benny schliefen. Nicht, dass er sicher war, ob er überhaupt irgendjemandem von seinen Erlebnissen berichten wollte. Wenn er die Geschichte im Kopf wiederholte, wirkte sie selbst auf ihn unwirklich und klang zu unglaubwürdig, um mehr als nur Spott und Gelächter hervorzurufen.

So lag er mit offenen Augen in der Dunkelheit des Zelts, grübelte und sorgte sich, bis ihn endlich doch der Schlaf übermannte und ihn ins Reich der Träume entführte.


„Tom! Tom, hier rüber, los, gib den Ball ab …“ Alex‘ Stimme drang wie durch Watte zu ihm durch. Mist. Er hatte sich schon wieder in Gedanken an seinen nächtlichen Ausflug verloren, so sehr, dass er den Ball einfach weitergedribbelt hatte, ohne auf seine Mitspieler zu achten. Alex warf ihm einen halb belustigten, halb ärgerlichen Blick zu, als Tom den Ball zu ihm hinüberschoss. Alex passte zu Karo, und die Kleine lief los, als hätte ihr jemand einen Feuerwerkskörper in die Schuhe gesteckt. Drei Atemzüge später hatte sie ein Tor geschossen. Noch bevor ihre Mannschaft wieder Aufstellung genommen hatte, blies Benny, der Schiedsrichter spielen durfte, in seine Trillerpfeife. Das Spiel war vorbei, 3:2 in letzter Sekunde. Tom schlug Karo auf die Schulter, und Benny strahlte sie beide an, aber der Rest ihres Teams gratulierte ihnen nur ziemlich oberflächlich.

Tom, Karo und Benny machten zwar bei den Fußballspielen mit, ruderten wie alle anderen mit den Gummibooten auf dem See und taten ihren Spüldienst, aber es verband sie trotzdem wenig mit den anderen im Lager. Sie waren wie eine eingeschworene Gemeinschaft, die Kids aus dem Haus des Alten, und sie spürten, dass sie mit dem Rest wenig gemein hatten. Die anderen behandelten sie nicht unfreundlich, aber mit einer Art von Vorsicht, als ob sie sich bei ihnen eine ansteckende Krankheit holen könnten, wenn sie nicht aufpassten. Trotzdem schienen Benny und Karo die Zeit im Camp ebenso zu genießen wie Tom. Der Alte war weit weg, und das war im Moment alles, was zählte.

Lediglich Alex war es leichter gefallen, Kontakte zu knüpfen, und er hatte sich seit seinem Ausflug in der ersten Nacht mit ein paar der älteren Jungs angefreundet. Er verbrachte die meiste Zeit mit dieser Clique.

Die letzten Tage waren wie im Flug vergangen. Als Tom jetzt zum Waschhaus hinüberschlenderte, um vor dem Abendessen noch zu duschen, kam es ihm wieder einmal so vor, als ob gar nicht er es sei, der hier zeltete, Fußball spielte oder in den eiskalten See hüpfte, sondern ein anderer Tom, den er nur flüchtig kannte.

Es war ihm nicht gelungen, Alex oder Karo von seiner nächtlichen Begegnung zu erzählen; immer, wenn er es versuchte, stellte sich etwas in ihm quer, und er schwieg letztlich doch.

Auf eine gewisse Art und Weise funktionierte das genau so wie mit den Übergriffen des Alten. Kaum jemand zuhause sprach darüber. Sie geschahen, und dann blieb jeder damit für sich allein zurück, sprachlos und ohne Stimme.

Alex holte zu ihm auf und schlug spielerisch mit seinem Hertha BSC-Handtuch nach Tom. „Alter, was ist denn los mit dir? Du bist ja total abwesend. Wo treibt sich dein Kopf denn rum?“

Tom wich dem Handtuch-Angriff ohne Mühe aus und schüttelte den Kopf. „Nix ist los, ich war bloß abgelenkt.“

„Abgelenkt, ja?“ Alex grinste plötzlich breit. „Ein Mädchen vielleicht? Sind ja ein paar Süße dabei …“

Tom starrte seinen Freund und Beinah-Bruder an: „Was? Ach Quatsch.“

Nee, kein Mädchen. Bloß Raben und unheimliche Gestalten nachts im Wald und Münzen, mit denen ich irgendeine Reise bezahlen soll. Aber wieder blieb er still.

„Was du nicht sagst. Pass auf, dass du nicht rot wirst.“

Obwohl Tom genervt die Augen verdrehte, hörte Alex nicht auf zu grinsen. Der Ältere kam wahrscheinlich ganz gut bei den Mädchen im Camp an. Tom hatte ein paar Mal mitbekommen, wie sie kicherten und begannen, mit ihren Haaren zu spielen, sobald Alex in der Nähe war.

„Hast du schon gepackt? Heute Abend geht’s zurück nach B.“, sagte Alex, als sie das Waschhaus betraten und sich jeder eine leere Duschkabine suchten. Seinem lockeren Tonfall war nicht anzuhören, ob ihm dieser Gedanke etwas ausmachte.

Tom drehte unterdessen den Heißwasserhahn auf und hielt seinen Kopf unter den warmen Strahl. Ja, genau, dachte er bitter. Heute geht’s zurück in das ganze Elend.


Als Frau Andresco-Müller kam, um sie wieder abzuholen, war es bereits dunkel. Tom spürte eine ungute Vorahnung in seinen Knochen. Es war ein dumpfes, unangenehmes Gefühl, wie eine unbekannte Furcht, die auf ihn lauerte.

Keiner sprach im Auto besonders viel, auch wenn sie auf die Fragen, ob ihnen die Woche gefallen habe, brav und sogar halbwegs ehrlich mit „Ja“ antworten konnten. Je näher sie ihrer Straße kamen, desto stiller wurden sie, und auch Frau Andresco-Müller war nicht sonderlich redselig.

Als sie vor dem Haus vorfuhren, öffnete sich die Haustür. Der Alte blieb im Türrahmen unter der fahlen Außenleuchte stehen, ein falsches Lächeln auf den Lippen, und er winkte, gerade so, als würde er sich wirklich freuen, sie wiederzusehen.

Alex schnappte sich ihr komplettes Gepäck und ging grußlos an dem Alten vorbei. Benny und Karo wollten ihm folgen, aber der Alte begrüßte sie lautstark und strich ihnen über das Haar. Karo hielt still, Benny hingegen zuckte regelrecht zusammen. Tom wollte die wenigen Schritte bis zur Tür gehen, auch wenn seine Füße unvermittelt schwer und unwillig waren, aber Frau Andresco-Müller hielt ihn zurück.

„Tom, einen Augenblick, ja?“

Er drehte sich zu ihr um, und sie trat an ihn heran und beugte sich vor. Ihre Stimme war leise, fast ein Flüstern.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich mal erkundigen würde, was deine Herkunft angeht.“

„Ja?“

„Ich fürchte, ich habe keine guten Neuigkeiten für dich.“ Sie sah ihn ernst an. „Ich habe unter der Hand nachgefragt, und mir wurde mitgeteilt, dass deine leiblichen Eltern unbekannt sind.“

In Tom erstarben alle Gefühle. Es war so, als wäre er hohl. Der Alte starrte misstrauisch zu ihnen herüber, aber Tom kümmerte es mit einem Mal nicht mehr.

„Unbekannt?“, brachte er krächzend hervor.

„Ja, leider. Es gibt viele Fälle, in denen wir die Daten der leiblichen Eltern vorliegen haben. Wenn ein Kind zur Adoption freigegeben wird oder die Eltern sich nicht um das Kind kümmern und das Amt einen anderen Vormund bestimmt, zum Beispiel. Aber du, du warst ein richtiges Findelkind. Ich … Es tut mir leid. Es ist nicht einfach, verstehst du?“

Tom nickte langsam, obwohl er eigentlich gar nicht weiter zuhören wollte.

„Du wurdest ausgesetzt, als du noch ganz klein warst. Es gibt keinen Hinweis auf deine Eltern.“

„Und mein Name? Woher wussten sie im Waisenhaus denn, wie ich heiße?“

„Das weiß ich nicht. Mehr kann ich dir nicht sagen, ich hatte leider keinen Einblick in deine Akten.“

„Danke“, murmelte Tom und wandte sich ab. Ausgesetzt? Wer macht denn so was? Naja, vermutlich jemand, der absolut keinen Bock auf ein Kind hat.

Auch wenn Tom sich selbst immer gesagt hatte, dass seine Eltern vermutlich nichts mit ihm zu tun haben wollten, war da doch immer ein Funke Hoffnung gewesen. Vielleicht waren es bloß blöde Umstände gewesen, die seine Eltern dazu gebracht hatten, ihn abzugeben. Umstände, die jetzt natürlich ganz anders sein konnten. Diese kleine Hoffnung war die Aussicht auf ein anderes Leben gewesen, auf eine Flucht vor dem Alten und allem, was mit ihm zusammenhing. Die Aussicht auf ein besseres Leben bei seinen Eltern, wo immer die auch sein mochten. Vielleicht war es kindisch gewesen, daran zu glauben, aber wie viel ihm das bedeutet hatte, wurde ihm erst jetzt bewusst, da es nicht mehr da war. Ausgesetzt. Das bedeutet, dass sie sich sicher waren, nie etwas mit mir zu tun haben zu wollen. Damals nicht, heute nicht und auch sonst niemals.

Hinter ihm schlug die Autotür zu, als er den endlosen Weg zur Haustür ging. Er sah zu Boden, auf seine Füße, die sich bewegten, als gehörten sie gar nicht zu ihm.

Dann packte der Alte ihn schmerzhaft an der Schulter.

„Was wollte die von dir?“, zischte er.

Tom hielt inne und blickte dem Alten ins Gesicht.

„Nichts“, log er glatt. „Sie hat nur gefragt, ob uns der Urlaub gefallen hat.“

Der Blick des Alten blieb skeptisch.

„Und was hast du ihr erzählt?“

„Nichts. Was sollte ich ihr schon erzählen? Es war ganz toll, wir haben uns ganz doll gefreut, es war ganz toll von ihr.“ Auf einmal regte sich Widerstand in Tom, so heftig, dass es ihm dieses eine Mal egal war, was die Folgen sein mochten. „Kann ich jetzt rein? Ich bin müde.“

Der Alte sah ihn forschend an. Aber diesmal blickte Tom nicht weg, sondern hielt dem Blick mit unbewegter Miene stand. Früher hätte er Angst gehabt, doch jetzt war da nichts in ihm, nur diese große Leere.

„Gut“, brummte der Alte schließlich und ließ ihn los. Tom drückte sich an ihm vorbei und betrat das Haus, das wohl oder übel sein Zuhause war. Und bleiben würde.


In dieser Nacht und der nächsten lag er schlaflos im Bett und dachte über das nach, was die Mitarbeiterin vom Jugendamt ihm gesagt hatte. In dieser Zeit reifte ein Entschluss in ihm. Seine Vergangenheit war egal; er hatte keine. Tom vergrub den Schmerz tief in sich. Seine Eltern hatten ihn nicht gewollt, und er redete sich ein, dass er sie auch nicht brauchte.

Was ihm blieb, war der seltsame Fremde mit seinem Gerede über Münzen und Reisen. Er war auf ein Geheimnis gestoßen, oder das Geheimnis hatte ihn gesucht, und er flüchtete sich in den Versuch, es zu lüften. Je weniger er über die anderen Neuigkeiten nachdenken musste, umso besser. So nannte er es inzwischen: die anderen Neuigkeiten.

Während die letzten Tage der Ferien verstrichen, begann Tom also mit Nachforschungen. „Habt ihr schon mal von einem Haus der Gräber gehört?“, fragte er auf Facebook. Hier fiel es ihm viel leichter, über das zu reden, was er erlebt hatte.

Er hatte keine Ahnung, wie sie darauf gekommen war, aber Elke schrieb: „… guck mal, ob in deiner Nähe ein jüdischer Friedhof ist.“

„Check erst mal in den gelben Seiten, ob es nicht ’nen Gothic-Schuppen gibt, der Haus der Gräber heißt“, frotzelte Gregor.

„Also ich denke, Elke hat recht“, meinte Anna. „Gerade da bei jüdischen Friedhöfen auch keine Blumen auf die Gräber gelegt werden, sondern kleine Steine zur Erinnerung an die Wüste, wo es auch keine Blumen gab. Und vielleicht liegt auf einem Grab nicht nur ein kleiner Stein, sondern auch eine Münze.“

Benjamin griff die Idee mit der Münze auf und schlug ihm vor, den Friedhof Große Hamburger Straße zu besuchen. „Interessant ist, dass dort der Münz- und Silberkaufmann Daniel Itzig begraben wurde. Ob der ein paar seiner Münzen mit ins Grab genommen hat?“ Und Gregor, inzwischen wieder ernst geworden, riet Tom, auf jeden Fall mit Vorsicht an die Sache ranzugehen: „Die haben strenge Regeln. Du bist über 13 und brauchst eine Kopfbedeckung.“

„Ihr seid ja super“, tippte Tom.

Und so machte er sich am ersten Schultag, als nachmittags eigentlich Sport auf dem Plan stand, auf, um den Friedhof Große Hamburger Straße zu besuchen.

Nachdenklich setzte er seine Baseballkappe auf, bevor er sich dem eisernen Zaun näherte, der das Gelände umgab.

Auf den ersten Blick war der Ort eine große Enttäuschung. Von dem Friedhof war wenig übrig geblieben, und eine Gedenktafel erklärte auch, wieso: Er war in der Nazi-Zeit geschändet worden. Tom fluchte leise und dachte nur Scheiß-Nazis. Inzwischen war der ehemalige Friedhof ein Park mit hohen Bäumen und Rasenflächen und einer Gedenkstätte, aber es waren nur noch wenige Grabsteine dort.

Was, wenn das hier nicht der richtige Friedhof ist? Er konnte ja schlecht alle jüdischen Friedhöfe in Berlin abklappern, geschweige denn in Deutschland oder wer weiß wo.

Erschöpft hockte sich Tom auf einen Bordstein am Wegesrand. Die Sonne schien zwischen den Bäumen hindurch. Es war sehr warm, richtig sommerlich. Kleine Insekten schwirrten durch die Luft, und in den Ästen zwitscherten Vögel. Es hätte eine beruhigende Szene sein können, aber Tom traten vor Enttäuschung Tränen in die Augen.

„Alles, aber auch wirklich alles geht schief“, flüsterte er. „So eine …“

Ein Krächzen ließ ihn mitten im Satz innehalten. In einem der Laubbäume saß ein großer schwarzer Vogel, wie ein Schatten im flirrenden Sonnenlicht. Tom wusste - wusste ganz sicher -, dass es der Rabe war, den er schon einmal gesehen hatte, obwohl er nicht mit Bestimmtheit hätte sagen können, woher er das wusste. Er kramte in seinen Taschen nach dem Müsliriegel, den er eingesteckt hatte. Nur für den Fall, dass die Leute auf FB recht hatten.

Der Rabe sah zu ihm herunter. Ihre Blicke trafen sich. Hinter den schwarz glänzenden Augen des Raben sah Tom mehr als nur das Tier. Er spürte plötzlich, wie sein Körper leicht wurde, glaubte, jeden Moment zu schweben. Seine Gedanken rasten schneller, als er sie erfassen konnte, sein Puls beschleunigte sich, seine Haut kribbelte am ganzen Körper. Dann war es, als träfe ihn ein elektrischer Schlag, und der Augenblick war vorüber. Der Rabe schlug mit den Flügeln, krächzte noch einmal laut und fordernd und flog rasch davon.

Im Halbschatten der Bäume blieb Tom verlassen und wie betäubt zurück.

Aber in ihm breitete sich eine Erkenntnis aus, die seine Sorgen und dunklen Gedanken vertrieb: Ich bin nicht allein.


Fortsetzung in Kapitel 6: Die Zimmer des Alten

 
 

Kapitel 6: Die Zimmer des Alten


„Hast du gehört? Der Alte wird nächstes Wochenende weg sein.“ Alex‘ Worte hingen in der Luft, und Tom musste zweimal blinzeln, bis er erkannte, was das bedeutete. Der Alte verließ das Haus nur selten und noch seltener für länger als ein paar Minuten. Tom sah von den Englisch-Vokabeln auf, die er gerade an ihrem stickerübersäten Schreibtisch büffelte.

„Was macht er denn?“

„Och, vermutlich sucht er neue Kinder aus oder so. Nachschub besorgen. Ganz der liebende Pflegevater, was?“

„Hier ist doch kaum noch Platz. Alle Betten sind voll“, widersprach Tom.

Alex warf einen Tennisball gegen die Wand und fing ihn wieder auf. Er lag auf dem Rücken auf seiner Matratze, die Füße hoch an die Wand gelehnt. „Dann kommt eben in das Zwergen-Zimmer noch ein Bett. Die brauchen doch nicht so viel Platz.“

Tom war nicht sicher, ob Alex das ernst meinte oder ob er nur die vermeintlichen Gedanken des Alten wiedergab. Wie dem auch sein mochte, es gefiel ihm nicht. Es war nicht so, als ob er etwas dagegen gehabt hätte, wenn neue Kinder gekommen wären, aber er wünschte es niemandem, in diesem Haus zu landen. Und so wie Alex redete, war das auch richtig so.

„Wie lange wird er denn weg sein?“, lenkte Tom das Gespräch zurück auf die angenehme Seite der Sache.

„Den ganzen Samstag. Von morgens bis abends. Hab ich zumindest gehört. Einer der Knirpse hat’s mitbekommen.“ Alex drehte sich um und setzte sich hin. Er grinste von einem Ohr zum anderen. „Das ist genial, oder? Endlich mal Ruhe haben. Wie im Paradies.“

Oder in einer richtigen Familie, dachte Tom bei sich. Aber seine Gedanken blieben nicht lange so düster. Schon schmiedete er Pläne, was er alles tun konnte, wenn der Alte außer Haus war. Endlich mal mit Karo im Garten kicken. Und …

„Ich mach mich mal vom Acker“, erklärte Alex, stand auf und streckte sich gähnend. „Ich will noch mal in die Stadt.“

„Alles klar. Pass auf dich auf.“

„Aber immer doch.“

Im Vorbeigehen zwinkerte der Ältere Tom noch einmal zu, dann verschwand er aus ihrem gemeinsamen Zimmer. Tom blieb allein zurück. Er ließ die Vokabeln Vokabeln sein und warf sich mit Schwung aufs Bett, sodass das Gestell ächzte. Beinahe erschien es ihm lächerlich, wie sehr ihn der Gedanke an einen Tag ohne den Alten freute. Aber sie waren von ihrem Ziehvater abhängig, seinen Launen jederzeit ausgeliefert und lebten in der ständigen Furcht, irgendwas falsch zu machen oder nicht genug Kohle zuhause abzuliefern. Ein Tag ohne das alles wäre himmlisch, da hatte Alex schon Recht.

Tom, dachte er und hielt verdutzt inne. Habe ich gerade meinen Namen gedacht?

Tom. Wieder schien es sein eigener Gedanke zu sein, aber jetzt sah er sich um. Jemand musste ihm einen Streich spielen.

„Oder bist du das wieder?“

Fast erwartete er, Nebel mitten im Zimmer zu sehen, eine undeutliche Gestalt, aber da war niemand. Durch das Fenster fielen helle Sonnenstrahlen, und draußen zwitscherten die Vögel.

Was du suchst, ist in der Nähe, unter der Erde, umgeben von Wasser.

Es fühlte sich an wie ein eigener Gedanke, aber das konnte nicht sein. Irgendwo musste jemand sprechen. Tom sprang auf und lief zur Tür. Ein vorsichtiger Blick auf den Flur hinaus zeigte ihm, dass niemand dort war. Er drehte sich um, lief die paar Schritte und riss das Fenster auf. Mit seinen Augen suchte er den Garten ab, den alten Schuppen, das kleine Stück wildwuchernde Wiese, die Büsche und Sträucher, die beiden großen Bäume – und da entdeckte er, wonach er gesucht hatte. In der alten Eiche hockte ein Rabe und sah zu ihm herüber.

„He!“, rief Tom möglichst freundlich. „Komm her! Ich hab was für dich!“

Er kramte in seiner Tasche herum und zog den platt gedrückten Müsliriegel heraus, dessen Verpackung er hastig aufriss. Er hielt ihn über den Kopf.

„Schau, lecker Müsli! Nüsse und so. Die magst du doch?“

Der Rabe sah ihn unverwandt an. Dann stieß er sich ab und schlug mit den Flügeln. Nach einem kurzen Flug in Richtung des Hauses drehte er plötzlich ab, schoss wie ein Pfeil zu Boden, erhob sich wieder in die Lüfte und glitt dann mit weit ausgebreiteten Schwingen elegant um die Bäume herum und außer Sicht.

„Du Mistvieh“, rief Tom dem Vogel hinterher und kam sich sofort dumm vor. Enttäuscht sah er auf den Müsliriegel in seiner Hand. Auf irgendeiner Ebene war er sich sicher, dass der Rabe mit ihm gesprochen hatte. Vielleicht sind der Rabe und der komische Kerl im Nebel ja ein und dasselbe? Oh Mann, was denke ich da? Ich dreh noch durch! Er ging langsam weg vom Fenster und setzte sich auf die Bettkante.

„Hast du gerade rumgeschrien?“ Karo schlüpfte durch die einen Spalt geöffnete Tür herein und schloss sie hinter sich. Ihr Blick fiel auf das offene Fenster und den Müsliriegel in Toms Hand. Sie sagte nichts, aber Tom konnte ihre Gedanken beinahe hören.

„Da war ein Rabe“, versuchte er zu erklären. „Ich dachte … na ja, vielleicht mag er ja Nüsse.“

Er hob den Müsliriegel hoch und musste grinsen. Karo lachte, als sie sich auf Alex‘ Bett setzte und die Knie unter das Kinn zog.

„Mochte er aber nicht?“

„Nee, das Mistvieh ist einfach weggeflogen. Aber ich bin mir sicher … also, er hat mich angesehen. Und vorher, da habe ich ´ne Stimme gehört. Keine Ahnung“, fügte er schnell hinzu, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. „Dachte ich zumindest.“

Sie fixierte ihn mit einem dieser Blicke, die sie drauf hatte und die nicht wirklich zu einem kleinen Mädchen passten.

„Klingt, als hättest du einen in der Waffel“, erklärte sie ernst. „Total bescheuert.“

„Ja, stimmt“, erwiderte er zerknirscht. „Wer redet schon mit Raben?“

„Nur Irre. Was hat er denn gesagt?“

„Ach, nichts“, wiegelte Tom ab. Nachdem er ihr bereits erzählt hatte, dass er vielleicht neulich von einem Raben gewarnt worden war, konnte er mit ihr zwar über die ganze Sache reden, aber die eigentliche Botschaft erschien ihm doch zu heftig. Er hatte noch niemandem zu Hause von seinen seltsamen Begegnungen im Nebel berichtet, und wenn er jetzt erzählte, dass der Rabe gerade eben von der Münze gesprochen hatte, würde er damit herausrücken müssen. Schon komisch, das eine kann ich sagen, das andere nicht.

„Vielleicht holt dich bald der Zug ab, du weißt schon, auf ins Zaubererinternat. Oder auf in die Irrenanstalt.“

„Na warte.“

Tom sprang auf, Karo streckte ihm die Zunge heraus und lachte. Er nahm sein Kopfkissen und bewarf sie damit. Mit einem Aufquieken wich sie aus, aber dann war er schon auf Alex‘ Bett und begann, sie ordentlich zu kitzeln. Sie wand sich unter seinen Fingern, doch er kannte keine Gnade, bis sie japsend darum bettelte.

„Na gut“, sagte er großmütig. „Aber lass es dir eine Lehre sein. Das nächste Mal kitzel ich dich durch, bis dein Kopf so rot ist wie eine Tomate.“

Erst als Karo verschwunden war, warf er den platt gequetschten Müsliriegel in den Müll und machte sich Gedanken über die Worte des Raben.

Okay. Offenbar denkt der Vogel nicht so wie wir. Wär ja auch logisch, er ist ja ein Vogel, richtig? Er will, dass ich einen Ort finde, aber er sagt mir keinen Namen und keine Straße. Vielleicht, weil er sie nicht kennt? Oder weil Raben Sachen halt anders benennen?

Die nächsten Tage verbrachte Tom jede wache Minute, die er nicht in der Schule oder auf der Straße war, auf der Suche nach einem Ort, der nicht nur von Wasser umgeben, sondern auch unter der Erde war und ein Haus der Gräber hätte sein können. Er erkundigte sich vorsichtig bei seinen Freunden, ob sie etwas in der Art kannten, und er recherchierte im Internet. Er fand eine Menge Sachen, aber nichts, was richtig zu passen schien. Das Ganze erschien ihm inzwischen immer mehr wie ein besonders seltsamer Traum, der einfach nicht aufhören wollte. Total unwirklich.

Aber er wusste etwas, was ihm beweisen konnte, dass die Ereignisse im Garten und während der Osterfreizeit real waren: wenn er sich die Münze wiederholte, dann hätte er einen Beweis. Ein kleines Stück Realität, das ihm zeigte, dass er nicht durchdrehte, sondern die Welt selbst langsam komisch wurde.

Schließlich war ihm klar, dass er die Münze holen musste, sobald der Alte aus dem Haus war. Er grübelte eine Weile, ob er Alex in seinen Plan einweihen sollte, und entschied sich letztlich dafür.

Jetzt blickte er Alex an, während er neben ihm her über den Nollendorfplatz trabte, wo sie auf dem Rückweg aus der Stadt Station gemacht hatten, um sich ein Stück Pizza zu holen. Die Arbeit war ihnen beiden an diesem Tag leicht von der Hand gegangen. Bei dem schönen Wetter waren sämtliche Cafés und Restaurants knüppelvoll gewesen, und es war ein Kinderspiel gewesen, ein paar Handtaschen unter den Bistrotischen hervorzuziehen und damit abzuhauen.

„Ich muss in die Zimmer des Alten“, sagte Tom ganz ruhig.

Alex sah ihn von der Seite an, als ob er den Verstand verloren hätte.

„Klar, Junge. Und ich muss auf den Mond.“

„Nee, ehrlich. Er hat mir was weggenommen, das will ich wiederhaben.“

„Dein Handy? Man, wir besorgen dir ein neues. Enno kennt da jemanden …“

„Nicht mein Handy.“ Tom suchte nach einer sinnvoll erscheinenden Erklärung. „Das hab ich schon wieder. Was anderes.“

„Deine Wichsvorlagen?“

„Mann, ey!“ Tom seufzte. Dann setzte er zu einer Erklärung an. „Ich hab im Garten so ‘ne Münze gefunden, sah ziemlich alt aus. Ist vielleicht wertvoll. Der Alte hat sie gesehen und mir sofort abgenommen. Die will ich wiederhaben.“

„Wofür denn?“ Alex hielt inne und blickte Tom forschend ins Gesicht. „Klingt gar nicht nach dir, bei dem Alten einzubrechen.“

Tom sah zu Boden und zuckte mit den Schultern. Es klang nach niemandem, den er kannte. Vermutlich würde nicht mal Arnie auf so eine irre Idee kommen.

„Ist aber so“, brummte er. „Und der Alte ist weg am Wochenende. Genau die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe.“

Alex ging weiter. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Jeans gesteckt und eine alberne Sonnenbrille in seine dunklen Haare geschoben. Er ging mit breiten, selbstbewussten Schritten voraus. Wer ihnen entgegenkam, wich dem Duo aus, auch wenn Tom weit weniger offensiv neben seinem Ziehbruder herlief.

„Wenn das Ding wertvoll ist, hat der Alte sie doch längst zu Geld gemacht“, wandte Alex ein. „Und wenn nicht, hat er sie irgendwo versteckt. Ist total bescheuert, deswegen einen Aufstand zu machen.“

Er hat Angst. Wow. Tom sah aus dem Augenwinkel zu dem Älteren hinüber, dessen Miene jedoch nichts preisgab.

„Ich will nicht, dass du mit reingehst, aber jemand muss Schmiere stehen. Nicht, dass er wiederkommt und mich da findet.“

„Das wäre gar nicht gut.“ Alex lachte finster. „Vermutlich hätte ich danach ein Einzelzimmer, bis ‘nen Neuer kommt.“

„Das ist nicht witzig“, entgegnete Tom heftiger als beabsichtigt. Er spürte ein Kribbeln in seinen Fingern, als er daran dachte, was wäre, wenn der Alte ihn erwischte oder auch nur davon erfuhr. Der würde mich grün und blau schlagen … oder Schlimmeres.

„Ja, schon gut. Schmiere soll ich stehen, ja? Und wie stellst du dir das vor? Wie willst du überhaupt da reinkommen?“

„Ich knack das Schloss.“

Erneut lachte Alex. Er legte seinen Arm um Toms Schulter und zog ihn zu sich heran.

„Kleiner, seit wann kannst du Schlösser knacken?“

„Man schnappt das eine oder andere auf“, entgegnete Tom und versuchte sich Alex zu entziehen. „Ich hab ein bisschen zum Spaß geübt. Wird schon schiefgehen.“

Doch Alex baute sich vor ihm auf und legte Tom auch die andere Hand auf die Schulter. „Ich mach das. Frag Karo, ob sie Schmiere stehen kann.“

„Nein, ich will sie da nicht mit reinziehen.“ Tom wagte es kaum, sich vorzustellen, was alles schiefgehen konnte. Alex war erfahren genug, um zu wissen, worauf er sich einließ. Aber Karo? Das geht nicht, beschloss Tom. „Ich kümmere mich um das Schloss. Du passt auf, dass niemand uns überrascht.“

„Wie du meinst. Aber komm nachher nicht bei mir an und beschwer dich, wenn du nicht mal die Tür aufkriegst.“

„Keine Sorge“, erwiderte Tom selbstsicherer, als er sich fühlte. „Das klappt schon.“

Dass sein Plan darin bestand, die Münze zunächst nur zu fotografieren, sagte er nicht. Alex würde ihn für verrückt erklären, ein derartiges Risiko nur dafür auf sich zu nehmen. Aber wenn er einmal reinkam, würde es auch ein zweites Mal klappen. Und in der Zwischenzeit würde er die andere Münze irgendwie finden müssen, ohne die sowieso nichts lief. Bis dahin durfte der Alte bloß nichts merken.


Am Samstag stand Tom direkt nach dem Frühstück am Fenster und beobachtete die Straße vor dem Haus. Das Wetter war nicht ganz so gut wie in den letzten Wochen; Wolken hingen am Himmel, und es sah aus, als könnte es jeden Moment regnen. Die irrationale Angst, dass der Alte bei Regen entscheiden könnte, nicht zu gehen, erfasste von Tom Besitz. Er begann, an seinen Nägeln zu kauen - eine schlechte Angewohnheit, von der er geglaubt hatte, er hätte sie längst abgelegt. Aber manchmal fanden seine Finger wie von selbst einen Weg zu seinen Zähnen, wenn er nur nervös genug war.

Alex hingegen lag locker auf seinem Bett und sah sich Videos im Internet an. Hin und wieder lachte er leise. Seine Versuche, Tom für bestimmte Clips zu interessieren, hatte er bereits eingestellt, als er merkte, dass Toms Kopf zu voll dafür war.

Als Tom schon fast nicht mehr glaubte, dass der Alte überhaupt noch gehen würde, öffnete sich die Haustür, und die lange Gestalt ihres Ziehvaters trat heraus. Sofort duckte sich Tom hinter die Gardine und hielt die Luft an, als könne der Alte ihn von da unten durch das geschlossene Fenster hören.

„Mach dich mal locker“, murmelte Alex und legte sein Handy zur Seite. „Ist er weg?“

„Gleich“, antwortete Tom mit leiser Stimme. Er konnte nichts dagegen machen – schon allein der Anblick des Alten sorgte dafür, dass sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten.

Alex stellte sich neben ihn und warf ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. Der Alte ging die paar Schritte bis zur Straße, sah prüfend zum Himmel empor, so dass Tom fast das Herz stehen blieb, und setzte sich dann einen grauen Hut auf.

„Mann, das war vor fuffzig Jahren vielleicht mal in“, flüsterte Alex. Selbst er ist leise, stellte Tom fest. Der Alte zog die Schultern hoch und ging den Bürgersteig entlang. Sie warteten, bis er hinter dem Zaun außer Sicht geriet, und dann noch einige Minuten. Alex zog einen dunkelblauen Pullover über und sah Tom erwartungsvoll an.

„Fertig?“

Tom holte tief Luft, und dann gab er sich einen Ruck.

„OK.“

Sie gingen durch den Flur und die Treppe hinunter, als sei alles in Ordnung. Nicht, dass die Jüngeren ihnen Fragen stellen würden, aber sie wollten auch nicht, dass sie irgendwas bemerkten. Vermutlich würde es noch eine Weile dauern, bis auch die anderen Kids feststellten, dass der Alte wirklich weg war und sie versuchen konnten, das Beste aus dem Tag zu machen.

In der Küche holte sich Alex eine Dose Billigcola aus dem Kühlschrank. Sie sahen sich kurz an, dann stellte sich Alex lässig an die Tür zum Flur und trank das Gesöff.

Tom schlich mit pochendem Herzen zu der verschlossenen Tür zu den Zimmern des Alten und lauschte erst einmal daran; er hörte nichts. Es war eine einfache Holztür, mit einem simplen Schloss. Tom fingerte das Werkzeug aus seiner Tasche, das er mal im Netz bestellt hatte, als Spielerei und Fingerübung, und sah sich das Schloss genau an. Er kannte die Grenzen seines Könnens: eine Haustür mit einem vernünftigen Schloss oder gar einem Sicherheitsschloss wäre für ihn nicht machbar gewesen. Aber dieses Schloss war nicht dafür gedacht, vor Einbrechern zu schützen; es sollte nur für Privatsphäre sorgen.

Der Alte hatte zwar ein besseres Schloss als ein gewöhnliches Buntbartschloss einbauen lassen, aber Tom hatte auch schon an schwierigeren Zylinderschlössern geübt. Er schob den selbst zurechtgebogenen Spanner hinein und drehte den Zylinder die wenigen Bruchteile von Millimetern, die er sich bewegte, bevor er mit einem weiteren hakenförmigen Draht langsam die Stifte ertastete. Es dauerte lange, bis er den ersten gefunden und richtig gesetzt hatte. Der Zylinder bewegte sich ein winziges Stück weiter.

„Das dauert ja ewig. Was machst du denn da so lange?“, zischte Alex von der Tür her.

„Klappe“, fauchte Tom zurück. Er konnte einen Schweißtropfen spüren, der ihm über die Schläfe lief. Er blies sich die Haare aus der Stirn.

Ein zweiter Stift glitt zurück, und wieder ließ sich der Zylinder des Schlosses ein kleines bisschen weiter drehen.

„Komm schon“, murmelte Tom leise. Er hatte das Gefühl, dass seine Finger zitterten, und seine Knie taten ihm plötzlich weh. Aufregung brandete durch seinen Körper. Er fühlte mit dem Haken im Schloss herum, fand aber den dritten Stift nicht. Dabei konnte er beinahe spüren, wie seine Finger feucht wurden, und er fürchtete, jeden Moment abzurutschen. Ob er noch einmal die Ruhe aufbringen konnte, einen weiteren Versuch zu wagen, wenn der erste misslang? Nein! Ich muss das jetzt durchziehen!

Vorsichtig tastete er weiter, glaubte, den Stift gefunden zu haben, übte vorsichtig Druck aus. Unvermittelt klickte es leise, und der Zylinder drehte sich ganz.

„Ich hab‘s.“ Triumphierend blickte Tom zu Alex hinüber und steckte sein Werkzeug ein. Er legte eine Hand auf die Tür, die andere an die Klinke. Ganz sachte drückte er sie herab, und die Tür öffnete sich.

Die Räume dahinter waren düster. Die Jalousien waren herabgelassen, und das Licht von draußen fiel nur durch schmale Schlitze herein.

„Mach hinne“, befahl Alex mit einem drängenden Ton in der Stimme. Tom folgte der Aufforderung und betrat die Zimmer des Alten. Dabei kam er sich wie ein Dieb vor, der ein Heiligtum ausrauben will. Eine Kirche. Oder die Pyramiden. Fast erwartete er, überall Fallen und Alarme auszulösen, aber es blieb ruhig.

Auf Zehenspitzen lief er über den abgewetzten Teppich. Das erste Zimmer war ein kleines Wohnzimmer mit einer Couch und einem Fernseher sowie einem Schreibtisch, einer Kommode und einem Schrank mit Glastüren. Die Tür zum Schlafzimmer stand auf. Tom konnte das Bett und den großen, dunklen Kleiderschrank sehen.

„Wo hat er sie hingepackt?“, fragte er sich. „In den Schreibtisch?“

Langsam, um den Inhalt nicht durcheinanderzubringen, zog er die Schubladen auf. Er sah Stifte, einen Block, Hefter mit irgendwelchen Zetteln darin, Bürokram. Er schloss die Schubladen wieder und sah sich um. Es hat keinen Zweck: ich muss alles durchsuchen. Insgeheim hatte er gehofft, dass er die Münze irgendwie würde spüren können, aber das war wohl reines Wunschdenken gewesen. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht, und alles war bloße Einbildung.

Er schob die lähmenden Gedanken fort und machte sich an die Arbeit, das Wohnzimmer systematisch zu durchsuchen. In der Kommode war nichts zu finden, und im Schrank standen nur Porzellanfiguren: kleine Jungen mit Lederhosen und Gitarren, Tiere, ein altmodisch gekleidetes Porzellanpärchen und dergleichen grell angemaltes Zeug mehr. Mann, was der Alte für einen Müll sammelt. Die beiden Schubladen unten im Schrank enthielten Batterien und allerlei Elektrozeug, das der Alte ihnen im Lauf der Jahre mal abgenommen hatte. Tom erkannte Karos roten MP3-Player, den er ihr geschenkt hatte und den sie schmerzlich vermisste, aber er traute sich nicht, das Gerät aus der Schublade zu nehmen.

„Mist. Mist. Mist“, flüsterte Tom und sah sich um. Er hatte keine Ahnung, wie lange er sich schon in dem Zimmer befand. Sein Blick fiel auf die Schlafzimmertür. Er musste seine Suche dort fortsetzen, aber der Gedanke war noch ungeheuerlicher, als heimlich das Wohnzimmer zu betreten. Noch nie war eines der Kinder im Schlafzimmer gewesen. Manchmal wurden einzelne ins Wohnzimmer geholt, wo es derbe Prügel setzte, während die Porzellanmenagerie mit leblosen Augen zuschaute, aber die Tür zum Schlafzimmer war dann immer geschlossen.

„Scheiße.“ Mit diesem Wort trat er über die Schwelle und sah sich um. Das Bett war ordentlich gemacht. Überhaupt waren die Zimmer ziemlich aufgeräumt. Tom wagte kaum, über den Teppich zu laufen, aus Sorge, seine Fußspuren würden ihn verraten. Es gab zwei uralte Kommoden und den massiven Kleiderschrank. Tom sah eine Gestalt und sog erschrocken die Luft ein, bevor er sein eigenes Bild im Spiegel an der Schranktür erkannte.

Er wischte sich mit den Fingern über das Gesicht und rieb dann die Hände aneinander. Er lauschte einige Momente, aber alles war ruhig. Dann entschied er sich, zuerst den Schrank zu durchsuchen. Er öffnete eine der Türen. Ein muffiger Geruch stieg ihm in die Nase. Alte Kleidung, Mottenkugeln, an mehr mochte er nicht denken. Die meisten Sachen waren ordentlich auf Bügel gehängt; auf dem Boden stand eine Reihe Lederschuhe. Es war merkwürdig, die Kleidung des Alten so zu sehen.

Mit einem Mal war er ein Mensch, jemand, der morgens seine Sachen aus dem Schrank holen musste. Kein Monster, das stets gleich aussah. Ein alter Mann, der dich zu Tode prügelt, wenn er dich erwischt, erinnerte sich Tom und riss sich damit selbst aus seiner Starre.

Er schloss die Tür und machte die nächste auf. Schubladen, Fächer mit Hemden, ein Halter für Gürtel. Mit schweißnassen Fingern zog er die Schubladen auf. Er fand einige auf einer samtigen Unterlage drapierte Uhren, Manschettenknöpfe und in der zweiten Schublade zwei große Metalldosen, in denen einst offenbar Kekse beziehungsweise Süßigkeiten gewesen waren. Sehr vorsichtig hob er den Deckel der größeren Dose an.

Darin lagen Geldscheine. Eine wirklich beträchtliche Menge. Zehner, Fünfziger, Hunderter, alles wild durcheinander – Tom konnte sogar einen Fünfhundert-Euro-Schein ausmachen. Er wusste sofort, worum es sich bei dem Dosenversteck handeln musste. Hier schmeißt er das Geld rein, das wir ihm bringen. Die Versuchung war groß, einfach in die Dose zu greifen und ein paar Scheine mitzunehmen. Der Alte konnte unmöglich im Kopf haben, wie viel Geld genau darin lag. Aber Tom unterdrückte den Impuls. Deshalb war er nicht hier.

Er verschloss die Dose wieder und nahm den Deckel der zweiten ab. Das Erste, worauf sein Blick fiel, war die Münze. Sie lag oben auf einem Haufen Kram, anscheinend weiteren Sachen, die der Alte seinen Pflegekindern abgenommen hatte. Tom zog sein Handy aus der Tasche, um ein Foto zu machen, aber dann streckte er die Hand aus und nahm die Münze einfach. Es war, als würde nicht er selbst handeln, sondern ein anderer Tom. Er wog sie einen Herzschlag lang in der Hand.

„He, Tom, komm zurück! Er ist wieder da. Tom?“

Alex‘ Stimme war angsterfüllt, und sofort schlug Tom das Herz bis zum Hals. Scheiße! Nein! Er steckte die Münze in die Hosentasche und drückte den Deckel auf die Dose. Das Metall verkantete sich, und er wollte schon loslaufen, hielt aber noch einmal inne und schob den Deckel vorsichtiger hinunter, bis er endlich passte. Die Schublade flog zu; mit der Schranktür war er behutsamer, konnte allerdings ein dumpfes Aufprallgeräusch vor lauter Aufregung nicht verhindern.

„Tom!“

„Komme“, rief er zurück und sah sich wild um. Alles schien am richtigen Platz zu sein, aber sicher war er sich nicht. So ordentlich, wie es hier vorher gewesen war, mochte es sein, dass er etwas übersehen hatte. Doch darum konnte er sich jetzt nicht mehr kümmern. Er lief durch das Wohnzimmer zurück in die Küche und zog die Tür hinter sich zu. Alex stand mit vor Schreck geweiteten Augen im Flur und sah Tom einen Moment an, bevor er die Treppe hinauf nach oben stürmte.

Die Klinke der Haustür bewegte sich, und Tom sah wie hypnotisiert, wie sie langsam herabgedrückt wurde. Er konnte sich nicht bewegen. Erst, als die Tür sich öffnete, gelang es ihm, sich aus seiner Erstarrung zu lösen, und er stürzte zum Kühlschrank, riss ihn auf und nahm sich auch eine Dose Cola. Die Münze in seiner Hosentasche musste einfach zu sehen sein. Der Alte würde sie bemerken und dann … Tom wagte nicht, weiter zu denken. Er öffnete die Dose und trank einen Schluck, als der Alte in die Küche kam. Tom grüßte ihn mit einer Stimme, die sich in seinen eigenen Ohren unglaublich schuldbewusst anhörte, aber der Alte brummte nur und nahm den Hut vom Kopf.

Atemlos schlich Tom an ihm vorbei und in den Flur. Er wagte es nicht, ihn anzusehen. Als er fast die Treppe erreicht hatte, erklang die scharrende Stimme des Alten: „Nicht so schnell, Tom.“

Er drehte sich um und wusste einfach, dass ihm die Angst ins Gesicht geschrieben stehen musste.

„Ist das deine?“ Der Alte deutete auf eine Coladose, die auf dem Küchentisch stand.

„Nee“, erwiderte Tom und hielt seine Dose wie einen Schild hoch.

„Verdammte Bande“, fluchte der Alte und drehte sich um. „Lassen alles überall rumstehen. Keinen Sinn für Ordnung.“

Er trat an seine Tür, schob den Schlüssel ins Schloss. Jetzt, dachte Tom. Jetzt merkt er, dass nicht abgeschlossen ist. Der Alte verharrte, sah nach unten, dann brummte er vor sich hin und ging in seine Zimmer.

Toms Knie waren so weich, dass er sich auf dem Weg nach oben an der Wand abstützen musste.


Fortsetzung in Kapitel 7: Eine Insel voller alter Sachen

 
 

Kapitel 7: Eine Insel voller alter Sachen


Tom hielt die Zeichnung der Münze in die Höhe. Das Bild war nahezu perfekt geworden. Er lächelte Karo an.

„Das ist gut, richtig gut. Du hast das voll drauf.“

Karo schaute auf ihre Füße und wurde tatsächlich ein bisschen rot. Das war ein ungewohnter Anblick, aber Tom wusste, dass sie das Zeichnen und Malen sehr ernst nahm. Und es gehörte – neben Fußball – zu den wenigen Sachen, bei denen ihr die Meinung anderer wichtig war.

Karo grinste und blätterte dann die nächste Seite ihres Zeichenblocks auf. „Ich habʼ dir noch was gemalt“, sagte sie fast schüchtern. „Einen Raben.“

Sie riss das untere Blatt heraus und reichte es Tom. Darauf war ein lebensechter Rabe zu sehen, dessen Gefieder blauschwarz schimmerte.

„Krass“, murmelte Tom überrascht. „Genau so sieht er aus.“

„Wofür willst du das Bild von der Münze eigentlich haben?“, wollte Karo wissen. Tom vermutete, dass sie das Gespräch von ihren Malkünsten ablenken wollte; Lob war ihr oft nicht geheuer. Kein Wunder. Den Alten interessiert es einen Dreck, ob wir noch was anderes können, als Leute zu bestehlen. Und Karos Lehrer wissen vermutlich auch nichts davon, was sie in ihrer Freizeit so macht.

Wenn man nie für etwas gelobt wurde, war es ziemlich schwierig, ein Kompliment zu akzeptieren. Das wusste Tom aus Erfahrung.

„Ich dachte, wenn ich mehr über das Ding rausfinden will, ist es gut, wenn ich ein Bild habe. Ich will die Münze nicht rumzeigen müssen.“ Tom machte eine Pause und räusperte sich. Es war echt schwer zu erklären, warum er über das Original lieber nicht viele Worte verlieren wollte und die Münze am liebsten niemandem sonst gezeigt hätte. Es war ein Gefühl, eine Intuition, dass es so richtig war, aber er wusste selbst, dass sich das für die Ohren anderer Leute ziemlich bescheuert anhören musste.

„Ich glaube nämlich, dass die Münze alt ist und bestimmt wertvoll“, fuhr er schließlich fort. „Ich will nicht, dass einer denkt, dass ich sie geklaut habe. Und bei einem Foto würden sie sich fragen, wo ich das gemacht habe. Ich will keinen Ärger deswegen haben, weißt du? Aber so eine Zeichnung, die ist super, da kann ich immer sagen, dass es nur ein Bild ist. Und die Zeichnung ist echt topp, allemal so gut wie ein Foto.“

„Ja, schon klar.“ Karo senkte den Blick und fügte leiser hinzu: „Danke.“

Er beugte sich zu ihr hinüber und verwuschelte ihr die Haare, was sie hasste. Ein empörter Aufschrei und ein ziemlich schmerzhafter Schlag gegen seine Schulter waren die vorhersehbare Folge.

„Au! Du solltest mit dem Kicken aufhören und Profi-Boxerin werden“, empfahl Tom, als er sich die Schulter rieb.

„Pah, um mit so ʼnem Weichei wie dir fertig zu werden, braucht man ja wohl kein Profi-Boxer zu sein!“

„Weichei? Hey, danke schön!“ Tom setzte eine übertrieben empörte Miene auf, faltete die beiden Bilder zusammen und schob sie unter die Schublade des Schreibtisches. Da waren sie zumindest für den Augenblick sicher. „Du darfst niemandem davon erzählen, klar? Niemandem, auch nicht Benny oder so.“

„Das hast du schon gesagt.“ Sie verdrehte die Augen. „Ich bin doch nicht blöde. Als wenn ich das verraten würde.“

„Gut.“

„Ich muss los. Morgen schreiben wir ʼne Mathearbeit, und ich muss noch lernen.“

„Streberin“, verabschiedete er sie mit einer halbherzigen Beleidigung, und sie sagte nichts dagegen, sondern streckte ihm lediglich die Zunge heraus, ehe sie den Raum verließ.

Tom blieb allein in seinem Zimmer zurück und legte sich aufs Bett. Bisher hatte sein Ausflug in die Räume des Alten keine Konsequenzen gehabt, was ihn selbst ziemlich überraschte. Wenn er darüber nachdachte, gab es eine Menge guter Gründe, warum der Alte inzwischen bemerkt haben musste, was Tom in seiner Abwesenheit getan hatte.

Bei jedem Essen, bei jedem Zusammentreffen unten erwartete Tom, dass der Alte ihm den Diebstahl vorwerfen würde, aber bisher war alles ruhig geblieben. In gewisser Weise war die nagende Ungewissheit schlimmer, als erwischt zu werden. Dieses Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, das schlechte Gewissen. Obwohl ich mir ja eigentlich nur zurückgeholt habe, was er mir abgenommen hat!

Aber so einfach war das nicht. Trotz allem fühlte Tom sich mies, weil er es gewohnt war, in den Augen des Alten die Schuld zu tragen. Woran auch immer.

Er warf einen Blick zur Tür und vergewisserte sich, dass sie geschlossen war, dann holte er seine Schuhe unter dem Bett hervor und griff hinein. Die Münze steckte zwischen Innenfutter und Sohle, gut versteckt. Die Idee dahinter war simpel gewesen: Es wird wohl niemand in die ollen Sneaker schauen. Er lauschte kurz, konnte aber nichts hören, also nahm er die Münze heraus und sah sie an. Das kleine Stück Metall war der Beweis dafür, dass er nicht durchdrehte. Sie war erstaunlich schwer, aber vielleicht kam ihm das auch nur so vor, weil sie so wichtig war. Bei genauerem Hinsehen war er nicht sicher, was für ein Tier auf der Vorderseite zu sehen war; es war bestimmt eine Raubkatze, aber was für eine?

Die Münze wirkte alt, das Metall war leicht abgegriffen, und hier und da waren Kratzer zu sehen. Sie war unregelmäßig geformt und so ganz anders als die Euro-Münzen, die Tom sonst kannte

Tom drehte und wendete die Münze und ließ das Licht aus verschiedenen Winkeln darauf fallen. Seit er sich eingestanden hatte, dass es tatsächlich keine einfache Erklärung für all das gab, was in letzter Zeit mit ihm passiert war, fühlte er sich seltsam befreit. Es ging ihm nun besser als in den Tagen, nachdem er erfahren hatte, dass er ein Findelkind war. Vielleicht hängt das ja zusammen. Irgendwie … keine Ahnung. Auf Facebook hatten immer wieder mal Leute überlegt, ob beides irgendeine schräge Verbindung haben könnte.

Die Sonne schien durch das Fenster und wärmte Toms Haut. Apropos Facebook: Er nahm sein Handy und checkte kurz FB und Twitter. Er hatte seinen Freunden ja vom Fund der Münze berichtet, und jetzt schlugen ihm William und Claude vor, doch einfach mal die Münze zu nehmen und sich auf sie zu konzentrieren. Es war eine ziemlich vage Idee, aber nach allem, was ihm in den letzten Wochen passiert war, fand er es nicht besonders schwer, sich darauf einzulassen. Nicht mal annähernd. Und wenn jemand von den anderen das abgedreht findet, seiʼs drum.

Für die Leute online ist das alles nur ein Spiel, grübelte Tom. Die stecken aber auch nicht mitten drin! Ach was soll’s. Es wird schon nicht mehr passieren, als dass ich mich bescheuert fühle.

Er legte die Münze auf seine Handfläche und sah sie ganz genau an, registrierte jede Kerbe, jede Unebenheit. Nichts geschah. Nicht überraschend, dachte Tom, gab aber dennoch nicht auf. Er ballte die Hand um die Münze zur Faust, schloss die Augen und versuchte irgendwie daran zu denken, dass die Münze ihm den Weg weisen sollte. Es dauerte eine Weile, bis er aufhörte, sich ziemlich albern vorzukommen, und auch danach passierte erstmal gar nichts.

Fast wollte er aufgeben, als er ein unbestimmbares Gefühl verspürte. Zuerst hielt er es für Einbildung, ausgelöst durch seinen Wunsch, hinter das Rätsel der Münze zu kommen, aber dann wurde ihm bewusst, dass es tatsächlich ein seltsames Sehnen war. Den Wunsch, einfach woanders zu sein, hatte er in den Jahren bei dem Alten oft genug verspürt. Nur diesmal war er stärker, und er wuchs in ihm, bis er alles andere überlagerte. Und mit einem Mal wusste Tom, wohin er gehen musste.

Hastig sprang er auf und schlüpfte in die Turnschuhe. Er schob die Münze in die Hosentasche, riss seinen Sweater vom Stuhl und zog ihn an, während er durch den Flur lief und die Treppe hinunterpolterte, immer drei Stufen auf einmal nehmend.

Beinahe wäre er aus der Tür hinaus gewesen, aber eine Stimme aus der Küche hielt ihn zurück: „Tom?“

Es war nicht der Alte, sondern Eva, die Frau, die alle Mutter nennen sollten. Sie stand in der Küchentür und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Tom winkte ihr zu.

„Ich koche gerade“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. „Das Essen ist gleich fertig.“

Ihr Gesicht war verhärmt, und ihre grauen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt. Sie trug stets alte Kleidung. Hinter ihr schlabberte der Pitbull Tyson lautstark Wasser aus einer Schale. Die beiden, Frau und Hund, blieben nach Möglichkeit in ihrem Zimmer. Die alte Frau war krank und verbrachte jede Minute, in der sie sich nicht um den großen Haushalt kümmerte, in einem abgewetzten Ohrensessel vor dem Fernseher. Irgendwie tat sie Tom leid; sie war mit einem Sadisten verheiratet und musste trotz ihrer Schmerzen immer noch schuften. Tom war sich sicher, dass sie nichts davon ahnte, wie der Alte die Kinder und Jugendlichen behandelte. Sie war eine liebe, naive Frau.

Deshalb lächelte er freundlich und setzte seine beste Familienserien-Miene auf.

„Danke! Ich komme später wieder und mache mir was warm.“

Sie nickte und wandte sich ab. Im Vorbeigehen bückte sie sich langsam und offensichtlich unter Schmerzen, um Tyson den Kopf zu streicheln. Falls der Alte den Hund als Wachhund oder scharfen Kampfhund angeschafft hatte, war er sicherlich ziemlich enttäuscht. Tyson war trotz seines martialischen Aussehens ein verspieltes Tier, das einem Einbrecher vermutlich eher die Hände abgeleckt, als dass er ihn gebissen hätte.

Kurz sah Tom den beiden zu, dem treudoofen Pitbull und der alten Frau, dann zog er sich die Kapuze seines Pullis über den Kopf und lief hinaus.


Die Straßenbahn ratterte durch die Stadt, aber Tom achtete weder auf die Orte, die sie passierte, noch auf die Menschen, die ein- und ausstiegen. Er hielt die Münze in der geballten Faust und konzentrierte sich allein auf sie. So versunken war er in seine eigenen Gedanken, dass er fast seine Haltestelle verpasst hätte. Doch als er sich dem Ziel näherte, konnte er förmlich spüren, wie die Münze in seiner Hand vibrierte, also sprang er auf, sobald ihm auffiel, dass der Wagen stand. Die Türen schlossen sich schon wieder, aber Tom quetschte sich noch hinaus und sah sich um. Erst jetzt bemerkte er, wo er eigentlich war. Haltestelle Hackescher Markt, Berlin Mitte. Nicht gerade seine Gegend, aber auch ein relativ ungefährliches Pflaster. Hier liefen die Reichen und Yuppies rum, und die Polizei passte schon auf, dass den ganzen Ich-mach-was-mit-Medien-Leuten nichts Übles widerfuhr.

Tom konnte spüren, dass die Münze ihn förmlich drängte weiterzugehen, und er lief los. Er beeilte sich, weil er das Gefühl hatte, dem Drängen nicht widerstehen zu können. Schon bald sah er die Spree und die Brücken, die zur Museumsinsel hinüberführten, zu seiner Rechten die Gleise der Stadtbahn, links die Friedrichsbrücke. Er ging schnell die Straße entlang, bis er zur Brücke kam, und überquerte sie. Außer ihm liefen noch eine ganze Menge Menschen über die Brücke, und mehr als einmal hätte er sich problemlos das eine oder andere Portemonnaie schnappen können, aber im Moment schien es ihm unwichtig zu sein, was der Alte sagen würde, wenn er ohne Kohle nach Hause kam.

Ein Saxophonspieler in bunten Klamotten spielte irgendeinen Popsong, der Tom vage bekannt vorkam, aber er hastete einfach an ihm vorüber. Seine ganze Aufmerksamkeit galt der Museumsinsel vor ihm.

Tom wusste, dass er jetzt ganz nahe an seinem Ziel war, als er die Spreeinsel betrat. Ein Stück die Straße runter stand ein großes, alt wirkendes Gebäude, ein richtig fetter Kasten, direkt an einer großen Grünanlage. Während er abbog, um zur Vorderseite des Gebäudes zu kommen, beobachtete Tom die Menschenströme, die sich durch den Park bewegten. Busse parkten in Reih und Glied an der Seite, und vor ihren Türen bildeten sich richtige Menschentrauben. Ein Stück die Straße runter war eine Kirche mit einer großen Kuppel.

An einer Wegkreuzung entdeckte er ein Hinweisschild. Davor stand ein junges Pärchen, das die Tafel ausgiebig studierte. Tom drängte sich an den beiden vorbei, schaute auf die Tafel und ignorierte die missbilligenden Blicke. Richtig, der große Kasten war das Alte Museum.

Das Pärchen verschwand in eine andere Richtung, und Tom sah sich das Museum genauer an. An der Vorderseite gab es jede Menge Säulen und einige Standbilder, die eine breite Treppe flankierten. Auf dem Dach hing eine Fahne schlaff herab. Die meisten Menschen kamen aus dem Museum heraus oder hielten sich im Park auf, der aus abgezirkelten Rasenflächen und gerade Wegen bestand und in dem ein Springbrunnen Wasserfontänen in die Luft schoss.

Sein Gefühl sagte ihm, dass er sein Ziel erreicht hatte. Ich wirdʼ verrückt, der Patrick hatte mit seiner Museums-Idee doch recht.

Schnell lief Tom in den Park und steuerte auf den Eingang des Museums zu. Er sprang die Treppen hinauf und fand sich vor verschlossenen Türen wieder. Außer ihm schien keiner hinein zu wollen, sondern alle nur hinaus.

Ein rundlicher Mann in Uniform und mit einem freundlichen, breiten Gesicht kam auf Tom zu. Toms erster Reflex war es, Fersengeld zu geben, aber der Typ war kein Polizist, sondern bloß irgendein Museumswächter.

„Ist schon zu, Junge“, erklärte der Mann jovial, aber Tom sah, dass er wieder skeptisch gemustert wurde. Vermutlich fragt er sich, was einer wie ich in einem Museum will.

„Oh, schade“, erwiderte Tom zuckersüß und schoss einfach ins Blaue: „Ich wollte mir doch die tollen alten Münzen anschauen.“

„Dann musst du an einem anderen Tag wiederkommen.“

„Ja, super, das machʼ ich. Danke.“

Während er langsam die Treppe hinabging, ließ Tom die Münze in seiner Tasche verschwinden. Er sah sich um und hoffte halb, irgendwo den Raben zu entdecken, aber da waren nur einige Tauben, die offenbar Spaß daran hatten, auf den Köpfen irgendwelcher Kerle auf dicken Pferden zu sitzen.

Da ist die zweite Münze drin, frohlockte Tom, bis ihm aufging, was das bedeutete. Die Münze ist in einem Museum. Auf Facebook hatte das vorher schon mal jemand vermutet, nur damals war das noch eine ziemlich wilde Idee gewesen.

Aber wenn sie echt in diesem Museum ist? Das heißt, sie wird sicher bewacht, und die Vitrinen haben bestimmt Alarmanlagen. So ein Mist! Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne, und Tom war plötzlich kalt. Die Münze hätte genauso gut in einem Safe in einer Bank liegen können. Verglichen mit dem Museum war der Einbruch beim Alten ein Kinderspiel gewesen. Für so was bekommt man bestimmt Jugendarrest oder so. Das kann ich nicht machen.

Tom ließ den Kopf hängen, während er sich durch die Menschen drängelte und sich auf den Heimweg machte.


Fortsetzung in Kapitel 8: Auf und davon

 
 

Kapitel 8: Auf und davon


Tom lag auf seinem Bett und hörte zum x-ten Mal denselben Song. Billy Talent sangen wieder und wieder Surrender. Noch immer hatte er keinen vernünftigen Plan entwickelt, wie er im Alten Museum an die Münze kommen sollte. In Filmen sah das immer einfach aus: da verschafften sich Leute coole Elektronik, brachen gemeinsam in eine Bank oder ein Museum ein, wurden fast geschnappt, entkamen aber am Ende natürlich mit der Beute. Tom scheiterte schon am ersten Punkt.

„Wenn du und Enno losziehen, was macht ihr dann eigentlich so genau?“, fragte er Alex schließlich. „Ich meine, ihr steigt doch irgendwo ein, oder?“

„Junge, was soll das denn?“

Alex setzte sich auf und warf Tom einen finsteren Blick zu.

„Ich bin nur neugierig. Also, wie das so geht und so.“

„Das ist nichts für dich“, erwiderte Alex. In seiner Stimme klang kaum verhohlen eine Drohung mit. „Ich will nicht, dass du mit so einer Scheiße anfängst.“

„Aber du machst das doch auch?“

„Das ist was anderes. Klar?“

„Klar“, echote Tom, obwohl gar nichts klar war. Er fand Alexʼ Reaktion ziemlich merkwürdig, aber der Ältere hatte offensichtlich keine Lust, weiter darüber zu reden, also schwieg er ebenfalls. Seine Gedanken wanderten zurück zum Museum. Einfach reingehen und die Münze abgreifen war nicht drin, obwohl er sich schon fast eingeredet hatte, dass sie quasi ihm gehörte, weil sie ja für ihn bestimmt war. Aber das nutzte wenig, wenn er nicht an sie rankam. Und wenn ich da reingehe und sage, dass die Münze mir gehört, weil mir ein Rabe gesteckt hat, dass ich sie unbedingt brauche, geht der nette Mann in der Uniform bestimmt auch nicht sofort los und holt seine Schlüssel, um mir die Vitrine aufzusperren.

Unten schlug eine Tür zu, so laut, dass Alex und Tom aufschreckten.

„Tom! Komm sofort runter!“

Die Stimme des Alten peitschte durch den Flur, und in Toms Nacken stellten sich alle Härchen auf. Es schwang eine ungezügelte Wut darin mit.

„Scheiße“, hauchte Alex, kreidebleich und mit entsetzter Miene.

„Tom! Ich weiß, dass du da bist! Komm her!“

Obwohl er nicht wollte, stand Tom auf. Es war, als ob sein Körper von allein auf den Befehl des Alten reagierte. Sein Geist war wie betäubt, als wäre er gar nicht anwesend. Er schlurfte zur Tür, hinaus in den Flur. Niemand war zu sehen, und er hatte auch nicht damit gerechnet. Keiner der anderen würde sein Zimmer verlassen und den Zorn des Alten riskieren. Tom schlich die Treppe hinab.

Der Alte stand in der Küchentür. Er schien noch größer als sonst zu sein, und sein Gesicht war vor Wut völlig verzerrt. Siedend heiß fiel Tom die Münze ein, die unter der Innensohle seines Schuhs steckte.

Bevor er jedoch etwas sagen konnte, sprang der Alte vor und packte ihn schmerzhaft am Arm. Hinter der Tür zu Mutters Zimmer bellte Tyson aufgeregt und japste. Tom konnte die Stimme hören, die versuchte, den Hund zu beruhigen.

„Komm mit, du kleiner Bastard!“ Der Alte schleifte ihn durch die Küche hinter sich her und bis in das erste seiner Zimmer. Alles war noch genau so, wie Tom es in Erinnerung hatte, sauber aufgeräumt und im Augenblick total angsteinflößend.

„Du dachtest doch nicht wirklich, dass du damit durchkommst, he?“

Irgendwo tief in sich fand Tom die Stärke, zu antworten: „Ich weiß gar nicht …“

Ein Schlag traf seine Wange, riss seinen Kopf herum. Der stechende, scharfe Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.

„Lüg mich nicht an!“

Unbewusst ballte Tom seine Hand zur Faust.

„Ich lüge nicht.“

„Als ich neulich nach Hause gekommen bin, da ist mir gleich aufgefallen, dass du dich irgendwie schuldbewusst benimmst“, begann der Alte lauernd. „Und dann war meine Tür auf, dabei schließe ich sie immer ab, weil ich euch diebisches Gesindel nur allzu gut kenne. Und es war ja nicht schwer zu erraten, dass du dahintersteckst, du verfluchter Zigeuner! Aber ich habe lange gebraucht, bis ich rausgefunden habe, was du mir gestohlen hast.“

„Ich habe nichts gestohlen“, widersprach Tom, und er wusste, dass er Recht hatte. Im Gegenteil, es war der Alte gewesen, der ihm die Münze weggenommen hatte.

„Du hast dieses Medaillon, oder was es war, geklaut. Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht, aber heute ist es mir wieder eingefallen. Was ist es, he? Ist es wertvoll? Willst du es zu deinesgleichen bringen und verhökern?“

Der Alte ließ Tom endlich los und baute sich so nah vor ihm auf, dass Tom den säuerlichen Schweißgeruch und das Bier in seinem Atem riechen konnte.

„Ich weiß nicht, was es war. Ich hab’s doch nur im Garten gefunden.“

„Du hast es irgendwo geklaut und dachtest, du könntest es mir auch klauen. Rück es raus, du Bastard, oder es setzt was!“

„Ich bin kein Bastard“, brüllte Tom, und für einen Moment, nur einen winzigen Augenblick, wich der Alte vor ihm zurück. Dann fing er sich wieder und schlug zu. Diesmal sah Tom den Schlag kommen. Er drehte sich mit, und es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal. Dennoch klatschte die Hand auf seine Wange, und es schmerzte. Der Alte hörte nicht auf, sondern schlug wieder zu und wieder und wieder. Tom riss den freien Arm hoch, um sein Gesicht zu schützen, aber die Schläge trafen seinen Kopf und seinen Nacken, bis der Alte schwer atmend innehielt.

„Du bist ein Bastard“, sagte er kalt. „Niemand wollte dich. Nicht mal deine eigene Sippe, Zigeunerkind.“

In Tom stieg eine Wut auf, die mit einem Mal jede Angst vor dem Alten verdrängte. Er richtete sich auf, hielt den Kopf hoch erhoben und blickte ihm direkt in die Augen. So standen sie sich gegenüber, und Tom konnte nicht sagen, wie lange. Er wusste auch nicht, was er tun würde, falls der Alte noch einmal zuschlug.

„Geh auf dein Zimmer“, brachte der Alte mit heiserer Stimme hervor. „Du hast Stubenarrest, bis du mir sagst, wo du es versteckt hast. Ich melde dich gleich in der Schule krank, und du bleibst oben. Wenn ich dich hier unten erwische, prügel ich dich windelweich. Und dabei kannst du dir schon mal überlegen, wie du künftig das Doppelte von dem nach Hause bringst, was du bislang hergeschafft hast. Offenbar liegt dir das Stehlen doch im Blut, da kannst du auch endlich für Kost und Logis bezahlen.“

Noch einen Herzschlag lang hielt Tom dem Blick des Alten stand, dann zog er trotzig die Nase hoch und wandte sich ab. Der Widerstand, der ihn gerade noch beflügelt hatte, fiel in sich zusammen, und die ganze Situation schien ihn förmlich zu erdrücken.

Ohne einen Blick zurück ging Tom durch die Küche. Er konnte den Alten hinter sich spüren, hasserfüllt, grausam, aber er ging so langsam, wie er nur konnte. Erst als er um die Ecke bog und die Treppe hochging, fing er an zu zittern. Beinahe hätte er sich hinsetzen müssen, so weich wurden ihm die Knie, aber er schaffte es noch, sich an der Wand abzustützen, und kam irgendwie bis in sein Zimmer.

Alex sah ihn mit großen Augen an. Tom versuchte, cool zu bleiben, doch er konnte die Tränen nicht zurückhalten. Ohne Alexʼ Blick zu erwidern, warf er sich auf sein Bett und biss die Zähne zusammen.


Es war spät in der Nacht, aber Tom konnte nicht schlafen. Er lag auf seinem Bett, immer noch in den Klamotten, in denen er gestern von dem Alten nach unten gerufen worden war, und starrte an die Decke. Seine Tränen waren längst versiegt. Der Schmerz und die Scham darüber, geschlagen worden zu sein, waren vergangen. Zurückgeblieben war nur eine Gewissheit: hier konnte er nicht bleiben.

Tom wusste plötzlich, dass er dem Alten die Münze niemals geben würde. Denn selbst wenn er es täte, wäre das kein Ausweg. Solange er hier blieb, würde der Alte sein Leben bestimmen. Der Entschluss war also da, und als er ihn traf, erkannte Tom, dass er schon lange in ihm gereift war. Es gab kein Zurück mehr. Bei dem Alten konnte er nicht bleiben, auch wenn er sonst keinen Ort hatte, an den er gehen konnte.

Abrupt stand er auf und begann, leise seine Sachen unter dem Bett hervorzuziehen. Er nahm seinen Schulrucksack vom Stuhl, holte die Hefte und Bücher heraus, schob sie unter das Bett und begann, den Rucksack mit seinen Sachen zu füllen.

„Was machst du da?“, fragte Alex leise. Tom zuckte zusammen, hob die Schultern und erwiderte: „Ich packe.“

„Wieso, willst du verreisen?“

Tom drehte sich um. Von draußen fiel ein wenig Licht in das Zimmer, und er konnte Alexʼ Gesicht sehen.

„Ja, nach Ibiza an den Strand, Blödmann. Nein, ich verschwinde von hier.“

„Junge, das kannst du nicht machen.“ Alex setzte sich auf. Er klang nicht nur besorgt, sondern beinahe panisch. „Gib dem alten Sack doch einfach das Ding zurück, dann geht es schon irgendwann vorbei.“

„Das geht niemals vorbei. Verstehst du das denn nicht? Solange wir hier sind, geht das nicht vorbei.“

„Wir können hier abhauen, wenn wir volljährig sind. Wir suchen uns ʼne Bude und hängen da ab.“

„Das sind noch Jahre“, erwiderte Tom. „Ich bleibe aber nicht noch jahrelang hier. Eher bringe ich mich um.“

Er stopfte weiter Sachen in den Rucksack. Klamotten, einen USB-Stick, zwei Ladegeräte, seine wenigen Besitztümer eben.

„Und was willst du machen? Du bist dann nur eine kleine Ratte da draußen. Lebst auf Platte, oder was?“

„Ich hab noch Geld versteckt. Damit komme ich erst mal über die Runden. Und dann? Mal sehen.“

„Das ist total bescheuert“, erklärte Alex ernst, schnappte sich seine Cargohose und kramte in den Taschen. Er hielt Tom etwas hin.

„Für dich. Mehr habe ich nicht hier.“

Tom nahm die Geldscheine entgegen. Er schluckte.

„Danke.“

„Bleib in Kontakt, klar? Ich ruf dich morgen an. Enno kennt Leute, bei denen kannst du unterkommen.“

„Ich weiß schon, wo ich schlafe“, erwiderte Tom. „Ich kenn da eine leer stehende Wohnung in Kreuzberg. Da bleibe ich die nächsten Nächte.“

„Ok, aber das sind nur ein paar Tage. Du brauchst Kohle und so weiter. Freunde. Das ist nicht so einfach, wie du denkst.“

„Jo, ich weiß.“ Tom schlüpfte kurz ins Band und warf eine Zahnbürste, Shampoo und Seife in eine Plastiktüte. Dabei hoffte er inständig, dass niemand ihn hörte.

Eigentlich wollte er sich noch einmal bedanken und verabschieden, aber Tom fehlten die Worte, als er in das Zimmer zurückkam. Auch Alex schwieg. Ein letztes Mal überprüfte Tom den Rucksack, ob er auch alles dabei hatte, dann schob er seinen MP3-Player, sein Handy und sein Taschenmesser in die Jackentasche, nahm seinen Schlafsack und den Rucksack und ging langsam zum Fenster. Noch kann ich es einfach sein lassen. Mich zurück ins Bett legen, schlafen. Und morgen ist alles wie immer. Tom schüttelte den Kopf. Es kann nicht mehr wie immer sein.

„Was ist mit Karo? Benny? Willst du einfach so verschwinden?“, fragte Alex mit belegter Stimme. Tom blieb stehen. Er müsste die beiden jetzt wecken, mitten in den Zimmern mit den anderen. Karo würde es nicht verstehen, das wusste er, und sie würde versuchen, es ihm auszureden. Und wenn es jemanden gab, der das konnte, dann sie.

„Sag du es ihnen. Sag ihnen, dass wir uns demnächst wiedersehen können. Wir machen einen Treffpunkt aus, irgendwo in der Stadt. Und sag ihnen, dass ich an sie denke.“

Mit diesen Worten öffnete er das Fenster und kletterte hinaus in die laue Nacht.


Die aufgehende Sonne weckte Tom viel zu früh. Er hatte sich nicht getraut, die Rollläden herunterzulassen, weil er nicht wollte, dass sich jemand fragte, wer dort oben in der leeren Wohnung unter dem Dach war. Er war schon früher manchmal hierhergekommen, nachdem er die Wohnung durch Zufall entdeckt hatte. Die Hausbewohner ließen das Tor zum Hof normalerweise offen, und die Eingangstür zum Hinterhaus war meistens nicht abgeschlossen, auch wenn innen ein vergilbter Zettel hing, auf dem jemand handschriftlich darum bat, nach 22 Uhr abzuschließen. An der Wohnungstür hatte Tom seine ersten Erfahrungen im Schlösserknacken gesammelt; es war ein altes Schloss, längst keine echte Herausforderung mehr.

Er mochte die Wohnung, denn sie hatte einen großen Balkon, von dem aus man über die Dächer Berlins sehen konnte. Jetzt, da er die Nacht auf dem abgewetzten Parkett verbracht hatte, eingewickelt in seinen Schlafsack, fand er sie weniger toll. Sein schmerzender Rücken teilte ihm mit, dass er Betten klar bevorzugte.

Tom warf einen Blick auf sein Handy und stellte fest, dass es noch keine sieben Uhr war. Die Nacht war zu kurz gewesen, aber zumindest hatte er ein wenig Schlaf gefunden.

Im Bad gab es Wasser, immerhin, auch wenn es nicht warm wurde. Zum Waschen und Zähneputzen musste das reichen. Dann setzte sich Tom auf die blanken Dielen vor der Küchenbalkontür, genoss im Schutze der Scheibe die wärmenden Strahlen der Sonne und ging seine Besitztümer durch. Das wichtigste war das Bündel Geldscheine, das er auffächerte und vor sich ausbreitete. Nach schnellem Zählen kam er auf knapp sechshundert Euro. Ein kleines Vermögen und genug für die erste Zeit. Danach würde er weitersehen müssen, aber irgendwie fühlte er sich optimistisch. Vielleicht liegt es an dem schönen Morgen? Oder an dem Raben, der auf dem Balkon sitzt?

Tom wollte schon die Tür öffnen, als der Vogel träge seine Flügel spreizte und davonflog.


Als Tom diesmal beim Museum ankam, war es früh und noch nicht besonders voll. Er stellte sich an der Kasse an, bezahlte die Karte, nahm sich einen Museumsführer und begab sich hinein. Es war ihm wichtig, nicht aufzufallen, also ging er mit langsamen Schritten durch die Ausstellungsräume und sah sich hier und da Exponate an, ohne jedoch wirklich etwas zu sehen. Ab und zu schaute er in den Führer, um herauszufinden, wo es hier wohl alte Münzen geben konnte. Der Lageplan war verwirrend, und Tom kannte sich zu wenig aus, also steckte er die Hand in die Tasche und umschloss seine eigene Münze mit den Fingern. Er blieb vor einer großen Vase mit einigen Figuren darauf stehen und tat so, als betrachte er sie, während er sich eigentlich auf die Münze konzentrierte.

Es dauerte einige Sekunden, bis sich etwas tat. Das Gefühl, ganz in der Nähe zu sein, kehrte zurück, viel stärker als zuvor. Irre!

Langsam ging Tom durch die Gänge und Säle und konnte dabei förmlich spüren, wie er sich seinem Ziel näherte. Bitte keine Vitrine, die mit einer Alarmanlage gesichert ist, flehte er innerlich. Am besten wäre es, wenn sie einfach irgendwo rumliegen würde.

Aber natürlich tat ihm das Universum keinen Gefallen. Stattdessen landete er in einem kleinen Raum irgendwo im Erdgeschoss, in dem es einige Büsten zu sehen gab, die ihn herzlich wenig interessierten. Viel spannender war die Tür, die zwischen zwei Ausstellungsstücken versteckt lag. Tom ging ein Stück näher und besah sie genauer. Sie hatte keine Klinke, nur einen Knauf und ein Schloss. Ziemlich modern, so wie es aussah, aber Tom hatte ohnehin kein Werkzeug dabei.

„Da geht es nicht weiter“, erklang eine Stimme hinter ihm. Ein älterer Mann mit einem Walross-Schnauzer in einem uniformähnlichen Anzug sah ihn streng an. „Zumindest nicht für dich.“

„Oh, Entschuldigung, ich dachte, das wäre Teil der Ausstellung.“ Tom legte so viel Zucker in seine Worte, wie er konnte. „Ist ja alles total spannend hier.“

Die Miene des Mannes wurde etwas weicher. Kunst- und geschichtsinteressierte Jugendliche waren ihm wohl gleich weniger unsympathisch.

„Dahinter sind nur alte Lagerräume. Die wichtigen Ausstellungsstücke sind hier.“

„Danke, dann weiß ich Bescheid“, erwiderte Tom wahrheitsgemäß und lächelte freundlich. Der Mann nickte ihm noch einmal zu, sein Mund verzog sich unter seinem buschigen Schnurrbart zu etwas, was möglicherweise ebenfalls ein Lächeln sein sollte, dann ging er zu der Tür und steckte einen Schlüssel in das Schloss.

Tom trat einen Schritt zur Seite, so als ob ihn das gar nicht interessieren würde, und fixierte die Büste vor seiner Nase, als hinge sein Leben davon ab, sie genauestens zu studieren. Seine Hand glitt in seine Hosentasche, wo er die zusammengefaltete Skizze der Münze verstaut hatte. Eigentlich hatte sein Plan vorgesehen, sich bei jemandem nach der Münze zu erkundigen, indem er die Zeichnung vorzeigte.

Der Museumswächter ging durch die Tür, die langsam hinter ihm zufiel.

Schnell sah Tom sich um; er war allein im Raum.

Im allerletzten Moment sprang er vor und schob das gefaltete Blatt zwischen Tür und Rahmen, genau dort, wo das Schloss saß. Er hielt den Atem an, als das Papier knirschte, zog es ein winziges Stück zurück und lehnte sich gegen die Tür, damit sie von innen wie geschlossen wirkte.

Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass das Walross keinen Verdacht geschöpft hatte.


Fortsetzung in Kapitel 9: Lichter in der Nacht

 
 

Kapitel 9: Lichter in der Nacht


Tom lauschte, aber nichts geschah. Als er sich schließlich sicher wähnte, zog er die Tür einen Spalt weit auf und spähte hindurch. Hinter der Tür war ein schmales Treppenhaus zu sehen. Er holte tief Luft, dann schlüpfte er durch die Tür hindurch. Zweifelnd blickte er nach oben und dann nach unten. Er versuchte, sich vorzustellen, wo eine solche Münze wohl aufbewahrt wurde, und da fielen ihm wieder die Worte ein, die er von dem Raben gehört hatte: Was du suchst, ist in der Nähe, unter der Erde, umgeben von Wasser.

Das Treppenhaus sah viel schlichter aus als der Rest des Museums. Tom schlich die schmucklose Treppe hinab in den Keller. Er kam an eine weitere Tür aus Metall, an der er lauschte. Als er nichts hörte, öffnete er sie vorsichtig. Dahinter lag ein dunkler Korridor, von dem etliche Räume abgingen. Tom huschte leise in den Flur. Seine Finger kribbelten. Er glitt zur ersten Tür, versuchte herauszufinden, ob jemand dahinter war, aber er konnte weder Licht unter der Tür sehen noch etwas hören, also öffnete er sie so vorsichtig wie möglich.

Er blickte in einen Raum voller Regale und Schubladenschränke. Überall standen graue Boxen herum, und alle Kisten waren mit kleinen, weißen Etiketten beklebt. Er ging in den Raum und las einige Etiketten, aber es waren nur Folgen aus Buchstaben und Zahlen, die für ihn keinen Sinn ergaben. So kam er nicht weiter.

Wieder griff er nach der Münze, doch diesmal holte er sie gleich aus der Tasche. Er schloss die Faust um sie und verließ sich auf den Lockruf, den er zu hören glaubte. Dies hier war der falsche Raum.

Er kehrte in den Korridor zurück und öffnete vorsichtig die nächste Tür. Hohe Regale reichten dahinter bis zur Decke, gefüllt mit Papprollen und Karteikästen. Auch hier hatte er kein Glück.

Aber zwei Türen weiter war es so weit. Tom betrat den Raum, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, so sehr drängte es ihn, hineinzugehen. Durch zwei kleine Oberlichter fielen ein paar Sonnenstrahlen und beleuchteten einen kahlen Betonfußboden. Er blieb vor einem kleinen Karteischrank stehen, der auf einem Schreibtisch ruhte, und seine Hand berührte die unterste Schublade. Mit zitternden Fingern öffnete er sie. Es lagen einige kleine Kästchen darin. Tom holte sie heraus, um sie schnell zu durchsuchen.

Hier musste er richtig sein. Die Münze in seiner Faust fühlte sich warm an und fast so, als ob sie pulsierte. In den ersten beiden Kästchen lagen Metallteile, die vermutlich alle irgendwann einmal als Zahlungsmittel gedient hatten.

Im dritten Kästchen prangte eine Münze auf schwarzem Stoff. Sie schien Toms eigener sehr ähnlich, war aber dunkler angelaufen und sah noch einmal deutlich älter aus.

Einige Sekunden lang starrte Tom sie nur an, dann nahm er sie in die andere Hand.

Wenn er ehrlich war, hatte er erwartet, nun irgendetwas Außergewöhnliches zu spüren. Doch das war absolut nicht der Fall. Hatte er sich gerade noch nichts sehnlicher gewünscht, als diese Münze zu besitzen, fühlte er nun nichts mehr. Außer vielleicht Erleichterung.

Er schob die beiden Münzen in seine Hosentasche, klappte die Kästchen rasch zu und verstaute sie wieder in dem Karteischränkchen.

Er wollte sich gerade aufrichten, als er draußen auf dem Flur etwas hörte. Toms Blick fiel auf die Tür. Sie war nur angelehnt. Mist. Ich hab den Wachmann ganz vergessen. Blitzschnell kroch er unter den Schreibtisch, da er auf dem Korridor Schritte hörte, die sich rasch näherten. Er zog sich ganz in den Schatten zurück, die Knie an die Brust gepresst. Die Tür wurde geöffnet. Von seiner Position aus konnte Tom lediglich Beine in Uniformhosen sehen. Sicherheitshalber hielt er den Atem an.

Die Beine blieben einen Moment im Türrahmen stehen, als ob ihr Besitzer sich suchend im Raum umsehen würde. Dann wurde eine Hand ausgestreckt und die Tür geschlossen.

Tom stieß den angehaltenen Atem aus. Als sich die Schritte wieder entfernten, zwang er sich, rückwärts von hundert bis eins zu zählen. Erst dann verließ er sein Versteck und schlich aus dem Lagerraum, zurück ins Treppenhaus und bis zur Tür zu den Ausstellungsräumen.

Er drückte die Klinge herunter. Kein Alarm ertönte und auch keine Schreie. Niemand versuchte, ihn aufzuhalten.

So schnell er konnte, schlüpfte er durch den Spalt hinaus und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Ein älterer Herr, der von einer Büste stand und mit zusammengekniffenen Augen versuchte, die Beschriftung zu lesen, sah kurz zu ihm herüber, runzelte die Stirn, schüttelte dann aber leicht den Kopf und widmete sich wieder der marmornen Frau.

Den ganzen Weg über bis zum Ausgang fürchtete Tom, jeden Moment laute Stimmen zu hören oder gleich die Hand eines Wachmanns auf seiner Schulter zu spüren.

Doch erst als er hinaustrat in den sonnigen Tag, begriff er wirklich, was er gerade getan hatte.


Als sein Handy ihm am Montagmorgen neun Uhr anzeigte, rief Tom bei Frau Andresco-Müller im Amt an. Sie meldete sich, und Tom verstellte seine Stimme ein bisschen, in der Hoffnung, ganz normal und nicht nervös zu klingen.

„Hallo, hier ist Tom Rabe. Entschuldigen Sie, dass ich so früh anrufe, aber ich würde Sie gerne um einen Gefallen bitten. Ich weiß, Sie haben schon mal etwas für mich getan, aber vielleicht können Sie mir noch einmal helfen?“

Er redete absichtlich einfach so los. Auch wenn er sich kaum vorstellen konnte, dass der Alte beim Jugendamt anrufen würde, wenn er entdeckte, dass Tom verschwunden war – sonst würde man ja möglicherweise nach dem Grund fragen -, wollte Tom ihr keine Zeit zum Nachdenken geben.

„Ja, sicher, Tom. Worum geht es denn?“

„Sie haben mir ja gesagt, dass ich ein Findelkind war. Können Sie mir vielleicht verraten, wo ich gefunden wurde?“

Daraufhin folgte zunächst nur Schweigen. „Ich weiß nicht, ob ich das …“

„Bitte“, unterbrach Tom sie. „Es ist mir sehr wichtig, verstehen Sie? Ich will ja gar nicht viel, aber das ist die einzige Verbindung, die ich zu meinen Eltern habe. Ich werde doch bald sechzehn, dann ginge das doch auch so, oder?“

„Hm, ja, vielleicht. Mal sehen. Ich kann in die Akte schauen, wenn es dir so wichtig ist. Warte mal eben, bitte.“

„Klar.“

Er konnte hören, wie sie etwas in einen Computer eintippte.

„Und, wie geht es dir so?“

„Och, super“, log Tom fröhlich. „Richtig gut.“

„Wie läuft es in der Schule?“

„Gut, gut. Ich glaube, ich bekomme in Mathe eine Zwei.“

Immer noch Tastaturgeräusche. Mann, mach schon. Wie lange dauert das denn?

„Das ist ja toll“, erklärte sie, dann änderte sich ihr Tonfall: „Ah, hier haben wir es. Du wurdest beim Kloster Rabenstein gefunden, Tom. Das ist in Brandenburg.“

„Super, vielen Dank. Sie sind die Beste.“

Tom hörte noch, wie sie irgendwas sagte, unterbrach aber schon die Verbindung und begann, im Internet nach dem Kloster zu suchen.


Tom trat im Schein der Straßenlaterne von einem Fuß auf den anderen. Obwohl er Alex vertraute, hatte er ein ungutes Gefühl bei dem Treffen. Was, wenn der Alte was davon mitbekommen hat? Wenn er Alex belauscht hat oder so?

Aber er konnte kaum etwas tun, außer abzuwarten. Vorsichtshalber hielt er etwas Abstand zu der Bushaltestelle, wo sie sich treffen wollten, und behielt seine Umgebung genau im Auge. Es waren nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei.

Im Rucksack auf seinem Rücken trug Tom seine gesamte Habe bei sich. Die Münzen steckten in seiner Jackentasche. Inzwischen waren sie das Wertvollste, was er besaß, auch wenn er keine Ahnung hatte, für wie viel Geld man sie hätte verkaufen können.

Ein alter Golf hielt am Straßenrand bei der Bushaltestelle. Halb erwartete Tom, dass jemand aussteigen würde. Aber der Wagen blieb nur mit laufendem Motor stehen. Nervös beäugte Tom das Fahrzeug. Hatte der Alte ihn doch aufgespürt? Aber dann sah er im Gegenlicht das Profil des Fahrers. Alex!

Tom lief zur Haltestelle, sorgsam darauf bedacht, den Wagen stets genau zu beobachten. Er erreichte die Seitentür und sah hinein. Tatsächlich saß Alex hinter dem Steuer und kaute an einem Daumennagel. Tom riss die Tür auf.

„Alter!“, entfuhr es Alex.

„Hi“, erwiderte Tom und schleuderte seinen Rucksack auf den Rücksitz, dann warf er sich auf den Beifahrersitz und zog den Gurt quer über seine Brust. Alex gab schon Gas, als der Sicherheitsgurt einrastete.

„Seit wann hast du denn ‘nen Führerschein?“

„Soll das ‘ne Kontrolle werden oder was?“

„Hey, schon gut, kein’ Stress. Wem gehört die Karre?“

„Die hat Enno besorgt.“

Na klar, vermutlich heißt besorgt in diesem Fall geklaut. Super. Aber dann erinnerte er sich daran, dass er selbst ja streng genommen in den Keller eines Museums eingebrochen war, und beschloss, lieber die Klappe zu halten.

„Wohin fahren wir?“

„Keine Ahnung“, entgegnete Alex. „Sag du es mir.“

„Ich muss aus Berlin raus, Richtung Osten, nach Brandenburg. Ziemlich in die Pampa. Wäre super, wenn du mich zu einem Bahnhof oder so bringen könntest.“

„Mann, wir haben ein Auto. Da fahren wir doch nicht mit der lahmen Bahn!“

Alex trat das Gaspedal durch, und der Golf sprang regelrecht nach vorn. Sie rasten durch die leeren nächtlichen Straßen, bis Alex fragte: „Also, wohin?“

Tom nannte ihm die Adresse des Klosters.

„Pampa ist ja wohl noch untertrieben. Da ist ja nix. Direkt dahinter kommt das Ende der Welt.“

„Du musst ja nicht mitkommen. Das ist meine Sache. Ich kümmer’ mich schon darum“, erwiderte Tom kleinlaut. „Ich will dich da nicht mit in was reinziehen.“

„In was reinziehen? Was hast du abgezogen, Kleiner? Eine Bank ausgeraubt?“

Fast, dachte Tom bei sich. Ein Museum. Laut sagte er: „Nichts. Es geht um meine Eltern. Ich bin da … also … ich wurde da gefunden. Früher, verstehst du?“

Alex sagte nichts, sondern fädelte sich auf einer Schnellstraße ein und ging gleich auf die Überholspur. Sie zogen an Familienkarossen vorbei, an Lieferwagen. Keiner von beiden sprach.

Irgendwann sackte Toms Kopf gegen die Scheibe, und er schlief ein. Er schlug die Augen erst wieder auf, als Alex ihn unsanft gegen die Schulter stieß.

„Aufwachen, wir sind gleich da.“

Immer noch müde und total verschlafen, sah Tom sich um. Um sie herum wurde es langsam Tag. Der Himmel hatte sich schon in Blau und Orange eingefärbt. Die Scheinwerfer des Golfs beleuchteten einen schmalen Hohlweg zwischen Hecken. Unter den Rädern knirschte es. Sie schienen über Kies oder etwas Ähnliches zu fahren.

„Wie hast du das gefunden?“, fragte Tom schlaftrunken.

„Im Dorf ist ‘ne 24-Stunden-Tanke, da hab‘ ich nach dem Weg gefragt.“

„Du hast angehalten? Wieso hast du mich nicht geweckt?“

Alex zuckte mit den Schultern. Vor ihnen tauchten die Umrisse großer Bäume auf. Der Golf hielt an, und Alex stellte den Motor ab. Mit einem Mal war es total still. Die ersten Lichtstrahlen fielen durch die Bäume, und ließen den ganzen Ort noch unwirklicher erscheinen.

„Endstation“, flüsterte Alex. Er sah Tom an. „Und hier willst du was rausfinden? Hier ist doch nix. Und wenn hier mal was von deinen Eltern war, dann ist das fünfzehn Jahre her.“

Ohne zu antworten, öffnete Tom die Tür und stieg aus. Es war kühl, aber nicht kalt. In den Bäumen rauschte ein leichter Wind, und hinter ihnen ließ sich im Licht des beginnenden Tages ein großes Gebäude erahnen.

„Da vorn muss es sein“, erklärte Tom und holte sein Handy heraus. Noch keine sechs Uhr.

„Sollen wir nicht lieber noch ein bisschen warten? Jetzt ist da doch eh keiner.“

Natürlich hatte Alex recht; es wäre besser, im Wagen zu bleiben, noch ein bisschen zu schlafen und erst zu einer zivileren Tageszeit zum Kloster hinüberzugehen. Aber etwas in ihm trieb Tom an, so stark, dass er dagegen machtlos war.

„Nur gucken“, meinte er leise und griff in die Tasche, wo die beiden Münzen leise klimperten. Er ging zu den Bäumen und zwischen ihnen hindurch. Er lauschte ihrem Rauschen. Es war, als seien seine Sinne in diesem Augenblick besonders empfindlich. Hinter ihm lief Alex, das spürte und hörte er. Mittlerweile zeichnete sich das Kloster als ein gewaltiges Viereck aus alten Mauern und mit Efeu überwucherten Dachzinnen in einiger Entfernung vor ihnen ab.

Aber der Anblick des Gebäudes ließ Tom seltsam kalt. Natürlich erkannte er es nicht wieder. Wie auch? Er war ja noch viel zu klein gewesen, als er zuletzt hier gewesen war.

Vor ihnen gab es eine freie Fläche zwischen den Bäumen, auf die Tom zuhielt. Er holte die Münzen heraus. Und wusste plötzlich, dass er genau hierher kommen sollte. Als er sich umsah, bemerkte er, dass es viel heller geworden war. Verwundert blickte er auf sein Handy, doch es schienen die Münzen zu sein, die zu leuchten begonnen hatten. Lichtstreifen wirbelten um sie herum.

Ja, es waren nicht die Münzen, die alles hell erleuchteten. Es war ein seltsames Gebilde aus Licht, ein Wirbel, so groß wie ein Fußball, der mitten vor ihnen in der Luft stand.

„Was ist das denn für ein Ding?“, rief Alex. Instinktiv wich Tom einige Schritte zurück. Das Leuchten wurde immer heller und der Wirbel aus reinem Licht immer größer.

„Nimm das auf“, rief Alex. „Das ist ja irre!“

Tom hielt sein Handy hoch und schaltete die Kamerafunktion ein. Das grelle Leuchten drohte die Handykamera in die Knie zu zwingen, aber er hielt drauf. Alex ging an ihm vorbei, ein schattenhafter Umriss vor dem Leuchten.

Plötzlich vergrößerte sich der Lichtwirbel blitzartig. Alex sprang zurück und rief: „Verdammt, was ist das?“

„Keine Ahnung“, entgegnete Tom wahrheitsgemäß. Er sah hinab auf die beiden Münzen in seiner Hand, die das Leuchten des Wirbels imitierten, und unvermittelt hatte er das Gefühl, zu verstehen.

„Das meint mich. Geh weg da, Alter, das ist wegen mir.“

Alex hörte nicht auf ihn, sondern blieb stehen.

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Doch.“ Tom schluckte. Bis gerade eben hatte er noch nicht gewusst, was geschehen würde, aber jetzt ahnte er es. „Das ist für mich. Ich geh da durch.“

Als hätte der Lichtwirbel seine Worte verstanden, wuchs er noch weiter und wurde so hell, dass Tom den Blick abwenden musste. Er sah auf sein Handy herab und schrieb mit einem letzten Gedanken an seine Freunde ab eine Nachricht an sie.

Dann ging er zögerlich einen Schritt auf den Wirbel zu. Und noch einen.

Es war nun so hell, dass Tom nichts mehr erkennen konnte.

Als er den Wirbel fast schon erreicht hatte, packte ihn Alex an der Jacke.

„Komm zurück!“, brüllte der Ältere.

Doch da hüllte der Lichtwirbel Tom ein, und er fiel und fiel und fiel.


 

 

Tom twittert